Zwei Grabwächterfiguren auf der Durchreise

Susanne Knödel

Hallo, ich heiße Susanne Knödel und leite im Museum die Asienabteilung. Seit zwei Jahren arbeite ich mit Kolleg_innen aus Hamburg und Seoul intensiv an der Ausstellung „Uri Korea – Ruhe in Beschleunigung“. Die Vorarbeiten haben aber schon viel früher begonnen: Ungefähr seit 2010 beschäftige ich mich intensiv mit der Koreasammlung des Museums für Völkerkunde. Dabei bin ich auf einen Kunstraub-Krimi gestoßen.

Es geht um zwei steinerne Figuren. Sie sind ungefähr 130 cm hoch und stellen Zivilbeamte der koreanischen Joseon-Dynastie (1392 – 1910) dar. In eine Hoftracht gekleidet, halten sie mit beiden Händen so genannte „Rangtafeln“ vor sich. Das ist genau die Haltung, die  hohe Beamte während der Audienz beim König oder bei königlichen Ahnenriten einzunehmen hatten. Solche Figuren stehen in Korea einander gegenüber vor den Gräbern hochgestellter Personen und bewachen – meistens zusammen mit anderen Steinfiguren – die Ruhe des Grabes. Wie kamen sie aus Korea nach Hamburg?

Der Verkauf der Figuren ans Museum lag ungefähr 30 Jahre zurück. Ich dachte, vielleicht wohnt der Verkäufer noch an seiner alten Adresse, und schrieb ihm. Er antwortete fast sofort: Er hatte eine Zeitlang in Korea gelebt, und hatte die beiden Figuren 1983 bei einem Kunsthändler südlich von Seoul erworben. Der Händler sagte ihm, dass diese Figuren während der japanischen Kolonialzeit und dem Koreakrieg zum Schutz vergraben, und nun wieder ausgegraben worden seien. Bekannt ist, dass in den 70er Jahren während des wirtschaftlichen Aufschwungs manches alte Familiengrab neuen Straßen oder Bauten weichen musste. Dabei wurden Grabwächterfiguren auch geplündert und gelangten in Museen oder in den Handel. Heute ist das für kulturell und politisch interessierte Koreaner ein Diskussionsthema, denn die Gräber, zu denen die Figuren gehören, wurden oft nur verlegt und existieren noch.

Noch etwas machte mich stutzig: Der Käufer schrieb mir, die Figuren hätten eigentlich Korea nicht verlassen dürfen. Sie fielen unter das Gesetz zum Schutz von Kulturgütern. Ich rief ihn an und fragte nach. Er berichtet mir unbefangen, wie er die Figuren in Decken verpackt in seinem Umzugscontainer versteckt hatte. Das entspricht meiner Erfahrung, dass Reisende oft Antiquitäten heimlich außer Landes schaffen, ohne ein Unrechtsgefühl zu haben. Das ist heute nicht anders als zu kolonialen Zeiten, und betrifft Sammler des oberen Preissegments ebenso wie Rucksacktouristen.

Ob die illegale Ausfuhr in unserem Haus beim Erwerb der Figuren bekannt war, lässt sich nicht mehr feststellen: Unsere Akten sagen nichts dazu, und mein Vorgänger ist bereits gestorben. Wäre die Sache bekannt gewesen, hätte das Museum die Figuren wohl dennoch erworben. Noch bei meinem Dienstantritt in den 1990er Jahren informierten mich Kollegen, man müsse illegal ausgeführte Gegenstände durch die Aufnahme ins Museum wenigstens für die internationale Öffentlichkeit erhalten.  Inzwischen gehen wir allerdings davon aus, dass auch ein solcher vermeintlicher „Rettungs“-Erwerb den illegalen Handel nur noch mehr anheizt.

Nachdem ich die Information erhalten hatte, informierten wir unser Partnermuseum in Seoul über den Sachverhalt. Zunächst wurde uns mündlich mitgeteilt, man werde nichts unternehmen.  Korea erlaube es in vielen Fällen, dass illegal ausgeführte Objekte, die sich in öffentlichen Sammlungen befinden, dort bleiben dürfen. Anfang 2017 erhielten wir jedoch per mail ein Restitutionsanliegen, das die Kulturbehörde Hamburg nun bearbeitet. Im Moment warten wir auf das offizielle Schreiben. Den neuen Platz der Figuren kennen wir bereits: Sie werden künftig vor dem National Folk Museum of Korea stehen, wo schon eine Gruppe weiterer „herrenloser“ Grabwächter auf sie wartet.

Bis zu ihrer Rückreise werden sie in der Ausstellung „Uri Korea“ zu sehen sein, und zwar in einem eigenen Ausstellungsteil, der sich mit der Bedeutung von Kunstraub und Kunstzerstörung für die heutige Kulturarbeit in Korea beschäftigt.

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