BELEBTE UMWELT, BESEELTE WESEN

Viele indigene Bewohner der Arktis sahen und sehen sich bis heute als Teil einer belebten Umwelt, in der sowohl die Menschen, als auch die Naturphänomene – die Felsen, der Wind, das Wasser und die Tiere – beseelt sein konnten und mit der sie sich in einem ständigen Austausch befanden.
In ihrer Beseeltheit waren diese Wesen den Menschen grundsätzlich gleichwertig. Die Grenzen zwischen ihren Erscheinungen waren fließend. So konnten Tiere menschlich aussehende Seelen oder sie repräsentierende Tiergeister haben, und bestimmte Menschen, etwa Schamanen, tierische Gestalt annehmen. Viele mythische Geschichten berichten vom gemeinsamen Ursprung von Menschen und Tieren oder der besonderen Rolle der Tiere bei der Entstehung der Welt.

Hölzener Augenschirm mit Knochenoder Elfenbein-Applikationen und Vogelfedern. 19. Jh. Yupiit. USA, Alaska. Slg. Umlauff. Ankauf, 1915. Inv.Nr. MV 15.11:141.
Hölzener Augenschirm mit Knochen- oder Elfenbein-Applikationen und Vogelfedern.
19. Jh. Yupiit. USA, Alaska. Slg. Umlauff.
Ankauf, 1915. Inv.Nr. MV 15.11:141.

Da die Menschen abhängig vom Wohlwollen dieser belebten Umwelt waren, stand der Ausgleich und respektvolle Umgang mit ihr an erster Stelle. So gab es rituelle Regeln, die Jäger oder Hirten und deren Familien, aber auch die gesamte Gemeinschaft einzuhalten hatten, um den Jagderfolg oder Herdenbestand zu sichern. Respekt vor der Tierseele äußerte sich zudem im Teilen und der vollständigen Nutzung aller Tierteile. In jährlich wiederkehrenden Festen und Zeremonien wurde der Austausch in der Gemeinschaft und mit Tieren und Umwelt beschworen.

Langes Federgewand aus Vogelbälgen.
Alutiiq. USA, Alaska, Kodiak Island.
Schenkung H. Hackfeldt, 1868. Inv.Nr. MV B 70

 

WEDER GREENPEACE NOCH SCHLACHTHOF
Durch Christianisierung, Kolonialisierung und staatliche Einflüsse haben sich die Glaubensvorstellungen und Lebensverhältnisse in der Arktis stark gewandelt. Viele rituelle Regeln oder Feste sind abgeschafft worden oder in Vergessenheit geraten, einige aber auch neu entstanden. Dennoch sind die indigenen Bewohner weiterhin auf Tiere und eine intakte Umwelt angewiesen, auch dort, wo Jagd und Tierhaltung als kommerzielle Wirtschaftsform betrieben werden.
Die Vorstellung vom respektvollen Austausch mit der Umwelt, welche die Nutzung und das Töten von Tieren geradezu erfordert, prägt ihr Selbstverständnis. Sie stehen damit häufig im Widerspruch zu westlichen Tierschutzvorstellungen und internationalen Fangbeschränkungen. Konflikte für indigene Arbeiter entstehen aber beispielsweise auch dort, wo die marktorientierte Tierverwertung, etwa im Schlachthof oder in Fischfabriken, massenhaft nicht genutzte »Abfälle« produziert.
Auch wenn moderne indigene Gesellschaften selbst nicht in widerspruchsfreien Zusammenhängen leben, so zielen viele ihrer politischen Kampagnen heute auf die Offenlegung solcher doppelten moralischen Maßstäbe, um ihre eigene Lebensweise zu verteidigen.

Text: Christine Chávez, Amerika-Abteilung, Museum für Völkerkunde

One thought on “BELEBTE UMWELT, BESEELTE WESEN

  1. Interessant finde ich in diesem Zusammenhang den Kurzfilm Tungijuk von Zacharias Kunuk. Der Film stellt die Jagd in den natürlichen Kreislauf von Werden, Vergehen, Wiedergboren werden, auch im Sinne einer Seelenwanderung.

    Für den unvorbereiteten Betrachter aus der westlichen Industriegesellschaft ist die drastische Bildsprache sicher irritierend. Die Eingangszene mit einer zunächst menschengestaltigen Wolfsseele kann beispielsweise Werwolf-Assoziationen auslösen, was aber nicht gemeint ist. Der Film greift statt dessen die fast fließenden Übergänge von Mensch, Tier und Geistwesen auf, die in den Erzählungen der arktischen Mythologie als Verwandlungsmotiv bekannt ist.
    http://www.isuma.tv/tungijuq/tungijuq720p

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