„Kubas afrikanische Geister“ – Hintergrundinformationen zu den afrokubanischen Religionen (Teil 3, Voodoo)

Blogbeitrag von Dr. Gabriele Lademann-Priemer, Kuratorin der Ausstellung „Kubas afrikanische Geister“. Sie studiert seit 2007 den Voodoo in Westafrika und die Religionsformen, die in Lateinamerika entstanden sind aufgrund des Transfers durch den Sklavenhandel von Afrika nach Amerika.

Vodou / Voodoo – eine haitianische Religion

 Allem voran ist wichtig zu verstehen, dass Palo und Santería kein Vodou sind. Da die kubanischen Religionen aber oftmals mit klischeehaften Vorstellungen von Vodou in Verbindung gebracht werden, sei hier angemerkt: Haitianischer Vodou ist eine eigenständige Religion, ebenso wie Santería oder Palo.

Nagelpuppen, Zombies, schwarze Magie – das geistert in den Köpfen herum, wenn das geläufige Wort in der Schreibweise „Voodoo“ fällt. In Spielwarenabteilungen findet man „Voodoodolls“, eine Mischung aus Ernst und Spaß, im Esoterikladen Abwehrzauber gegen Flüche. Dieses faszinierende und gruselige Geheimnis des „Voodoo“ soll aus Afrika und der Karibik stammen. Der erste dieser Zombies stammt jedoch aus dem US-Film White Zombie von 1932.

Die Wiege dieser Form des „Voodoo“ steht in Hollywood. Hollywood wiederum hat keineswegs in der Karibik oder in Westafrika recherchiert, sondern seine Ideen Büchern entnommen und diese weiterentwickelt. Von 1915 bis 1934 war Haiti von den USA besetzt, und für die US-Soldaten war Haiti ein Land von Kannibalismus und schwarzer Magie. Die Berichte beruhten auf angeblicher Augenzeugenschaft. Schauergeschichten dienten Propagandazwecken.

Der Staat Haiti sollte in Verruf gebracht werden, um die „zivilisatorische Leistung“ der USA herauszustreichen. So geriet ein bestimmtes Bild des Voodoo auch in europäische Köpfe, und man kann damit jeweils werben, abschrecken, faszinieren oder Angst machen, je nachdem was gerade benötigt wird.

 

Zum Begriff Voodoo

Voodoo heißt Geist oder Gott. Der Begriff stammt aus der westafrikanischen Sprache Fon und bezeichnet ursprünglich die Götter und Geister der (Voodoo-)Schreine in Benin, dem früheren Dahomey. Da sind Legba, der Gott des Kreuzwegs, Shango, der Gewittergott, Mami Wata, die Göttin der Gewässer, Sakpata, der Gott der Heilung und andere mehr.

Heute wird In Benin meistens „Vodun“ geschrieben, aber es gibt dort keine standardisierte Schreibweise. Anders als in Haiti, wo man die Religion „Vodou“ buchstabiert. Die Vodun-Geister heißen in der Sprache der Yoruba und in Lateinamerika Orichas oder Orixas, auf Haiti Loa oder Lwa. Auf Kuba in der Santería sind es ebenfalls Orichas.

Voodoo hat sich auch in Europa als generelle Schreibweise eingebürgert, man kann sie ruhigen Gewissens benutzen, wenn sich dann nicht das Bild von den Nagelpüppchen einschleicht.

Foto © Markus Matzel / Soul of Africa Museum

Odde, Jägergott im Palo Mayombe. Foto © Markus Matzel / Soul of Africa Museum

 

Götter und Geister

Da Götter und Geister ebenso wie wir Menschen nicht entweder gut oder böse sind, sondern die Zwiespältigkeit des Lebens und der menschlichen Eigenschaften darstellen, kann man sie für heilende wie schädliche Zwecke nutzen. Man kann Heilungsmagie oder Schadenszauber treiben, das liegt in der Verantwortung des einzelnen Priesters und der jeweiligen Priesterin. Grundsätzlich gilt jedoch, dass die Götter und Geister helfen und schützen wollen, wohingegen die Schadenszauberei als Missbrauch gilt. In Zeremonien in Westafrika und Latein- und Mittelamerika wird die Macht der Geister beschworen, sie zeigt sich u.a. darin, dass Menschen in Trance fallen, das heißt: Die Geister ergreifen von dem Menschen Besitz, sie „reiten“ ihn für die Dauer der Trance. Das ist ein Zustand, der keineswegs für Außenstehende anzustreben ist!

Die Gemeinschaft, die zum Schrein gehört, wird gestärkt, der Zusammenhalt wird geheilt, wenn es Probleme untereinander gegeben hat. Ein Orakel macht die Ursache des Übels ausfindig, nämlich ob es sich zum Beispiel um den Zorn eines Ahnen handelt, um Schadensmagie, Neid oder Missgunst. Die Religion Vodou /Voodoo mit Nadelpüppchen und schwarzer Zauberei gleichzusetzen, tut den Menschen Unrecht, die in diesen Vorstellungen aufgewachsen sind und darin leben.

 

Vodou/Voodoo, Santería und Palo

Vodou/Voodoo ist kein Oberbegriff für Religionsformen, die sich zwar in mancher Hinsicht ähnlich sind, sich in anderer jedoch unterscheiden. Auf Kuba wird diejenige Religion mit „Voodoo“ bezeichnet, die die Haitianer bei der Einwanderung mitgebracht haben. Es gab im Wesentlichen zwei Einwanderungswellen von Haitianern nach Kuba: Die erste begann nach der Ausrufung der Unabhängigkeit Haitis am Beginn des 19.Jahrhunderts, die zweite in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts.

Die kubanische Religionsform, die ihre Wurzeln in Afrika hat und sich mit katholischen und z.T. europäischen Elementen verbunden hat, wie dem Spiritismus, heißt Santería, die Anhängerschaft besteht aus „Santeras“ und „Santeros“.

Der kubanische Palo ist dagegen stärker an den afrikanischen Wurzeln orientiert als die Santería. In den Kultgeräten des Palo sind nach den Vorstellungen der Anhänger afrikanische Geister anwesend, die zwar auch katholische Namen tragen, dennoch wirkt die Form häufig „afrikanischer“ und „urtümlicher“ als die Santería, sofern man von derartigen Assoziationen sprechen möchte. Sowohl die Anhängerschaft der Santería als auch die des Palo lehnen es strikt ab, dass ihre Religionen „Voodoo“ genannt werden.

 

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