„Kubas afrikanische Geister“ – Hintergrundinformationen zu den afrokubanischen Religionen (Teil 3, Palo)

Blogbeitrag von Dr. Gabriele Lademann-Priemer, Kuratorin der Ausstellung „Kubas afrikanische Geister“. Sie studiert seit 2007 den Voodoo in Westafrika und die Religionsformen, die in Lateinamerika entstanden sind aufgrund des Transfers durch den Sklavenhandel von Afrika nach Amerika.

Palo (Regla de Congo)

Hintergrund

Von der ganzen westafrikanischen Küste, also auch aus dem Kongobecken wurden Afrikaner und Afrikanerinnen als Sklaven besonders im 19. Jahrhundert nach Kuba verbracht, sie nahmen ihre Götter- und Geistervorstellungen dorthin mit. Palo Mayombe (oder auch Palo Monte), benannt nach den Mayombebergen im Kongo, war eine der Religionen, die sich in Kuba im Geheimen ausprägte. Für viele Menschen inner- und außerhalb Kubas gilt Palo Mayombe oftmals als schwarze Magie – denn Geheimniskrämerei ist stets verdächtig – , weil nicht jeder hat einen Einblick in diese Religion und ihre Riten hat. Für die Anhängerschaft ist Palo Mayombe jedoch eine Religion mit einem großem Götter- und Geisterkosmos.

Das Wort Palo bedeutet im Spanischen Stock und deutet auf den Wald hin, aus dem die Geister stammen. Palogeister und –götter, also die kubanischen Geister des Kongos, sind in der Wildnis (el monte auf Spanisch) beheimatet, und die Kultgeräte des Palo befinden sich daher außerhalb menschlicher Behausungen. Möglicherweise bilden die kriegerischen Geheimgesellschaften des Kongo und ihre Traditionen einen Hintergrund für Palo Mayombe. Sie sind ebenfalls geheimnisvoll und wild wie auch der kubanische Palo. Palo Mayombe wird häufig als eine sogenannte synkretistische Religion bezeichnet, da in ihm Elemente unterschiedlicher Glaubensvorstellungen zusammenkommen: Die Sklaven durften ihre Riten und Glaubensvorstellungen nicht öffentlich ausleben und verbanden somit ihre Götter und Geister mit den Heiligen der katholischen Kirche.

Christliche Elemente kamen sehr früh in den Palo: Ein König des Kongoreiches ließ sich am Ende des 15. Jahrhunderts taufen und ermutigte die portugiesischen Missionare in seinem Reich, ihren Glauben zu verkünden. So kamen Sklaven aus dem Kongo vermutlich bereits mit christlichen Vorstellungen nach Kuba.

Im Palo haben sich auf Kuba verschiedene Richtungen ausgeprägt, stärker christliche und deutlicher afrikanische. Die Sklaven aus dem Kongo trafen auf der karibischen Insel Menschen mit Glaubensvorstellungen aus Westafrika, besonders aus dem Golf von Guinea. Daher wurden die Kongogeister außer mit katholischen Heiligen auch mit den Orishas, den Göttern der Yoruba, identifiziert. Andere Elemente, z.B. aus dem Freimaurertum und dem Spiritismus, sind im Laufe des 19. Jahrhunderts in unterschiedlichem Maße dazugekommen.

Die Nganga

Zentrales kultisches Gerät ist die Nganga oder Prenda, ein Topf, oft aus Eisen, gelegentlich aus Ton. Er wird auch „Nkisi“ genannt. So wird zugleich die Macht oder die Energie, die dem Gefäß innewohnt, benannt. „Nganga“ bezeichnet in den Bantusprachen einen Medizinmann oder Heiler. In Kuba bezieht sich das Wort als „La Nganga“ auf das Kultgerät.

Der Eingeweihte, der mit einer kubanischen Nganga arbeitet, heißt Ngangulero (weiblich: Ngangulera), Ngangeiro oder auch Tata Nganga, weiblich Yaya Nganga. Die Nganga ist ein spirituelles Wesen, in dem verschiedene Geister Afrikas leben, aber auch Ahnengeister sowie der Geist dessen, dessen Knochen sie enthält. Knochen gelten als beseelt. Diese Knochen stammen in der Regel nicht von einem Verwandten des Besitzers, denn dieser Geist muss tun, was der Ngangulero ihm befiehlt.

Das Gefäß wird gefüllt mit Stöcken, Knochen, sowohl menschlichen Knochen vom Friedhof als auch Tierknochen, mit Pflanzen, den Elementen der Erde, nämlich Erde und Wasser, und auch Federn. Hinzu kommen oftmals Macheten oder Messer, die den Besitzer schützen sollen, und andere Eisenteile, wie beispielsweise ein Kreuz beim sogenannten „christlichen“ Palo. Alle Teile sind beseelt.

Nganga des Gewittergottes. © Markus Matzel / Soul of Africa Museum
© Markus Matzel / Soul of Africa Museum

Auffallend sind die mpaka – gefüllte Tierhörner, oftmals von Widdern, die sich in vielen Ngangas befinden. Manche Hörner sind mit einem Spiegel verschlossen, er gilt als Auge in die spirituelle Welt. Im Laufe der Zeit können Ngangas so zu sehr großen und schweren Gebilden heranwachsen. Die Hörner nimmt der Ngangulero mit, wenn er unterwegs ist, sie dienen als „tragbare Nganga“.

Zwischen dem Ngangulero und seiner Nganga besteht eine innere, eine spirituelle Verbindung, sie bilden eine Einheit. Um eine Nganga zu bekommen, muss man in den Palo eingeweiht sein, also Palero oder Palera werden. Tata oder Yaya Nganga kann theoretisch jeder und jede eingeweiht werden. Über die Einweihung und Würdigkeit entscheidet das Orakel, die Würfe werden mit Muscheln, Kaurischnecken oder Kokosnussschalen durchgeführt. Ebenso wird für denjenigen, der wegen eines Problems oder einer Krankheit zum Ngangulero kommt, ein Orakel geworfen, um die Ursache des Übels aufzuspüren. Ist ein Tata Nganga erfahren und hochrangig genug, darf er Einweihungen vollziehen und hat einen Kreis von Patentöchtern und -söhnen, die ihn ihren Paten nennen. Die höchste Position, nämlich die des Babalawo, kann jedoch nur von einem Mann eingenommen werden.

Verschiedene Zweige

Palo Mayombe hat verschiedene Zweige, darunter Palo Mayombe, Palo Briyumba oder Palo Kimbisa. Ferner wird unterschieden zwischen dem „christlichen“ Palo und dem „nichtchristlichen“. Der christliche ist erkennbar an der Benutzung des Kreuzes. Bei Zeremonien gibt es christlich geprägte Anrufungen und Zitate. Der nichtchristliche Paloweg ist assoziiert mit dem, was „unerlaubt“ ist, also der Schadenszauberei.

Geister mit Wurzeln im Kongo

Wie auch in anderen afrokaribischen Religion verbindet sich im Palo Mayombe Monotheismus mit einer Pluralität von Göttern und Geister. Über allen Geistern und Göttern steht der Schöpfer Nzambi, die Quelle von allem, Tod und Leben. Einige wichtige Kongogeister oder Götter sind Zarabanda, Mama Chola oder Gurunfinda. Zarabanda ist einer der Hauptgötter, auch Rompe Monte genannt. Mit Macheten zieht er durch den Wald, er wird mit St. Petrus assoziiert. Mama Chola ist Göttin oder Geist der Flüsse und Gewässer, verbunden mit der Jungfrau von Cobre. Sie repräsentiert die aggressive Seite der Liebe wie Eifersucht und Hass. Gurunfinda, der Geist von Wurzeln und Pflanzen, wird mit St. Joseph oder St. Sebastian ineinsgesetzt, aber auch mit Johannes dem Täufer verbunden. Ohne ihn kann keine Medizin entstehen.

Sichtbare und unsichtbare Welt bilden eine Einheit, sie durchdringen und beeinflussen sich gegenseitig. Palo ist die Transformation des Lebens, die Nganga enthält den Tod und die Wildnis, aber auch den „Donnerstein“, der den Odem des Lebens gibt.

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