„Kubas afrikanische Geister“ Hintergrundinformationen zu den afrokubanischen Religionen (Teil 2, Ifa)

Blogbeitrag von Dr. Gabriele Lademann-Priemer, Kuratorin der Ausstellung „Kubas afrikanische Geister“. Sie studiert seit 2007 den Voodoo in Westafrika und die Religionsformen, die in Lateinamerika entstanden sind aufgrund des Transfers durch den Sklavenhandel von Afrika nach Amerika.

Das Ifa-Orakel

In den beiden kubanischen Religionen Palo Mayombe und Santería (Lukumí oder auch la Regla de Ocha) spielt das Orakel eine Rolle bei Einweihungen, bei der Ermittlung von Krankheit, Leid, Problemen.

Die Herkunft des Ifa-Orakels

Als Heimat des Ifa-Orakels ist Ile-Ife im heutigen Nigeria nachweisbar. Archäologische Funde weisen auf eine Besiedlung seit dem 4. Jahrhundert vor Chr. hin. Der Ort soll von Oduduwa gegründet sein, nachdem er aus Mekka geflohen und über Ägypten in den Westsudan gekommen sein soll. Oduduwa soll der Vater der Yoruba sein, deren Wiege Ile-Ife sei, er wird aber auch als Schöpfergottheit verehrt. Woher das Orakel ursprünglich stammt, weiß man nicht. Die Ursprungslegende reicht bis nach „Atlantis“, von dort sei es nach Ägypten und dann nach Ile-Ife und Rom gekommen. Andere meinen, es stamme aus dem Vorderen Orient. Vergleichbare Orakelsysteme gab es dort allerdings in der Antike nicht.

Von Ile-Ife hat sich das „Fa-Orakel“ in Westafrika ausgebreitet. Am Hof von Dahomey (heute: Republik von Benin) wurde es ungefähr seit der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts immer einflussreicher und wurde zum „Königsorakel“. Besonders unter König Gezo (1818-1858) wurden die Orakelpriester (Bokonon) sehr bedeutsam. Mit der Verbreitung des „Fa-Orakels“ verringerte sich der Einfluss der Frauen am Königshof von Dahomey. Vorher hatten sie eine größere politische Bedeutung Die Priester des Fa waren Ratgeber des Königs, die das Schicksalszeichen des Königs bestimmten und zu Krieg und Frieden Stellung nahmen.

Mit den Yoruba-Sklaven soll es nach Latein- und Mittelamerika gekommen sein. Es ist jedoch kaum anzunehmen, dass ein so umfassendes und kompliziertes System als Einheit nach Kuba gekommen ist. Es gibt die Annahme, dass Ifa-Priester aus Lateinamerika und eventuell auch aus Kuba als Babalawos in Westafrika initiiert worden sind. Dieses alles ist historisch unsicher, auch der Umfang der Textüberlieferungen des Ifa variiert.Heute gibt es gelegentliche Kontakte zwischen Babalawos in Kuba und Nigeria.

Orunmila oder Orula

Orunmila wird einerseits als historische Figur angesehen mit unterschiedlichen Herkunftserzählungen. Er soll der Begründer und Prophet des Ifa-Orakels gewesen sein. Er wurde vergöttlicht. Andererseits soll Orunmila bei der Schöpfung anwesend gewesen sein, als das Schicksal der Menschen festgelegt wurde. Orunmila wird als Orisha der Weisheit, der Kenntnis, des Orakels und Gott des Schicksals verehrt. Seine Farben sind grün und gelb, er wird mit dem Hl. Franciscus von Assisi gleichgesetzt.

Das Ifa-Orakelsystem

Das Ifa-Orakel besteht aus 16 Grundzeichen mit 256 Kombinationen. Die Zeichen heißen odu. Zu den Zeichen gehören verschiedene Mythen, Gesänge, Sprichwörter, die der Babalawo kennen muss. Das Orakel gilt als für alle Menschen gültig. Es gibt Wurfketten aus Kokosnussschalen (in Westafrika: Kolanussschalen), deren Würfe der Orakelspezialist „liest“. Aus dem Schicksal des Menschen, das zunächst festgestellt wird, und seiner Vergangenheit ergeben sich Handlungsanweisungen für die Gegenwart und eventuell Voraussagen. Vor allem geht es darum, mit der gegenwärtigen Lebenslage zurecht zu kommen.

Dem Babalawo allein ist der Umgang mit dem Orakel vorbehalten. Nur Männer können in das Orakel initiiert werden, sie dürfen jedoch nicht homosexuell sein. Die Babalawos bilden eine Gemeinschaft. In Afrika gab es wohl einige wenige Einzelfälle von initiierten Frauen, in Amerika gab es das nicht mehr. Praktiziert wird das System in der Regla de Ifa.

Diloggún

In der Regla de Ocha gibt es das Kaurischnecken-Orakel, das von hochrangigen Priestern angewendet wird. Elegua, Gott des Kreuzwegs, der den Zugang schafft zu den Göttern und folglich zuerst angerufen werden muss, hat 16 Kaurischnecken, andere Götter (Orishas / Orichas) haben mehr – in der Regel 18, es gibt aber auch 21. Die Götter Obatala und Chango sind neben Elegua bedeutend.

Das Diloggún-Orakel entscheidet über die Initiation in den Kult sowie den Orisha, mit dem der Mensch „gekrönt“ wird.

Ifa und Diloggún sind parallele Systeme, die Gemeinsamkeiten besitzen. Beide berufen sich auf Orunmila als ihren Begründer. Die Regla de Ocha ist allerdings weniger eindeutig Orunmila-zentriert. Die Zeichen (odus) sind unterschiedlich nummeriert. Während die Regla de Ifa nur Männern vorbehalten ist, sind in der Regla de Ocha Initationen durch Frauen möglich.

Angeblich werde das Orakel mit den Kaurischnecken länger auf Kuba praktiziert als das Ifa-Orakel, sagen manche seiner Anhänger. Die Mitglieder der Regla de Ifa halten ihr System für übergeordnet, denn es herrscht Konkurrenz unter beiden.

Olokun. Foto: Markus Matzel / Soul of Africa Museum
Olokun. Foto: Markus Matzel / Soul of Africa Museum

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