„Kubas afrikanische Geister“ – Hintergrundinformationen zu den afrokubanischen Religionen (Teil 1)

Blogbeitrag von Dr. Gabriele Lademann-Priemer, Kuratorin der Ausstellung „Kubas afrikanische Geister“. Sie studiert seit 2007 den Voodoo in Westafrika und die Religionsformen, die in Lateinamerika entstanden sind aufgrund des Transfers durch den Sklavenhandel von Afrika nach Amerika.

Santería / Lukumí

Die Santería ist eine afrokubanische Religion. Sie wird bezeichnet als der Weg der Heiligen der katholischen Kirche, der Santos. Die „Santería“ heißt in Kuba auch Regla de Ocha, Weg der Orishas (Götter), oder Regla Lucumí, denn Lukumi wurden die Yoruba aus Westafrika, die als Sklaven nach Kuba kamen, genannt. Auf Kuba sind die Anhänger der Santería Mitglieder der christlichen Kirche, denn die Santeros und Santeras sind in der Regel katholisch getauft.

Neben christlichen Elementen gibt es auch Einflüsse aus dem Spiritismus und dem Freimaurertum. Es gibt heute allerdings in einigen Kultgemeinschaften starke Tendenzen zu einer Reafrikanisierung. Sie betonen, dass ihre Religion Lukumí heißt und nicht Santería!

Nicht nur auf Kuba, sondern auch außerhalb des Karibikstaates wird die Regla de Ocha praktiziert. Die Santería hat in Deutschland zwischen 3000 und 4000 Anhänger und Anhängerinnen. Lateinamerikaner und Deutsche sind vertreten. Man findet sie beispielsweise in der kubanischen Diaspora in Deutschland, in Kreisen von Menschen mit lateinamerikanischem Hintergrund, in der Samba-Szene oder unter Perkussionisten.

Sklaverei

Von 1800 bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts blühte der Sklavenhandel auf Kuba. Schätzungsweise 786.500 Sklaven wurden nach Kuba verbracht. Eine große Anzahl bildeten neben den Menschen aus dem Kongobecken Afrikanerinnen und Afrikaner aus dem Yoruba-Gebiet, dem heutigen Nigeria. Besonders nach dem Zusammenbruch des Oyo-Reiches 1808 kamen vermehrt Yoruba nach Mittelamerika. Mit ihnen kamen die Einflüsse aus Ile-Ife, der Stadt des Ifa-Orakels, und aus Abeokuta, wohin Menschen aus dem Königreich Oyo geflohen waren, nach Kuba.

Nach dem Rückgang der Einfuhr afrikanischer Sklaven wurden zwischen 1847 und 1878 ca. 125.000 chinesische Kontraktarbeiter aus Südchina nach Kuba gebracht. Auch sie brachten ihre Geister mit.

Die Sklaven wurden auf Kuba in „Cabildos“, in Laienbruderschaften nach spanischem Vorbild zusammengefasst, nicht zuletzt, um sich die spanische Sprache anzueignen. Die Cabildos hatten ihre Heiligen, an deren Festtagen so wie am Epiphaniasfest, dem 6. Januar, wurden Prozessionen gestattet, bei denen wie in Spanien die Heiligenfigur der Bruderschaft durch die Straßen getragen wurde. Die Heiligen wurden mit den Orishas der Yoruba und den Vodun-Geistern des Volkes der Fon in Dahomey (heute: Republik von Benin) gleichgesetzt. Die Cabildos waren jedoch nicht nur Stätten der Anpassung, sondern wurden zu Zentren des Widerstands und von Aufständen in den Jahren 1812, 1835,1844. 1888 wurden die Cabildos daher verboten, weil die Kolonialherren sie als revolutionär füchteten. Die Sklaverei wurde auf Kuba im Jahr 1886 abgeschafft.

Die Religion Santería

Afrokaribischen Religionen verstehen sich als Monotheismus, denn der Schöpfergott steht an der Spitze einer Pluralität von Göttern. Dies trifft auch auf die kubanische Santería zu. Sie ist monotheistisch, insofern über allen Göttern und Geistern der Schöpfer steht: Oludumare, von dem die Lebenskraft (aché, Wachstum, Energie, Schicksal) ausgeht.

Hier einige der wesentlichen Orishas (Gottheiten):

  • Der erste Orisha, den man bei einem Ritual anrufen muss, ist Elegua (auch Elegba genannt), der Gott des Kreuzwegs, der den Zugang zu den Göttern verschafft. Er ist verspielt und treibt Schabernack, ist libidinös und liebt Süßigkeiten und Spielzeug. Seine Farben sind schwarz und rot. Er wird mit dem „Heiligen Kind von Antiochia“ oder auch mit St. Antonius von Padua identifizert.
  • Es gibt zudem verschieden gekleidete Marienstatuen, die wiederum auch Orishas repräsentieren. Ochun als Madonna mit dem gelben Gewand, La Caridad del Cobre genannt, ist die Ehefrau Shangos und Göttin des Süßwassers und steht für Fruchtbarkeit, Liebe, Sexualität, Großzügigkeit. Die Caridad del Cobre gilt als Nationalheilige von Kuba. Yemayá dagegen, ihre Schwester, die Madonna mit dem blauen Mantel, La Virgen de Regla, ist die Gottheit des Meeres und Urmutter. Ihre Farben sind blau und weiß bzw. silber. In der Meerestiefe aber lebt Olokun, der Leben und Tod repräsentiert. Die beiden Madonnen haben das Jesuskind auf dem Arm in einem roten Gewand, es repräsentiert Shango, den Gewittergott. Obatala als Madonna im weißen Gewand mit einem weiß gewandeten Jesuskind ist La Virgen de las Mercedes, auf Deutsch „unsere Liebe Frau von der Gnade“. Obatala, die Schöpfergottheit, steht für Wahrheit, Mitleid, aber auch Führung.

Virgen de la Caridad

Virgen de la Caridad del Cobre. © Markus Matzel / Soul of Africa Museum

  • Shango (Chango) ist St. Barbara, Schutzpatronin der Artillerie. Der Legende nach wurde sie eingesperrt und enthauptet, ihr Vater wurde zur Strafe dafür vom Blitz erschlagen. St. Barbara trägt ein rotes Gewand als Shango. Beizeichen sind der Turm, in den sie eingesperrt war, sowie der Abendmahlskelch. Shangos (Changos) Farben sind rot und weiß. Dass Shango, der Gewittergott, mit einer weiblichen Heiligen verbunden ist, ist für die Santería kein Widerspruch.
  • Der Gott Babalu Ayé ist St. Lazarus zugeordnet. St. Lazarus ist eine Mischung aus dem Lazarus des Gleichnisses Jesu vom „reichen Mann und dem armen Lazarus“ ( Luk. 16,19-31), dessen Wunden Hunde geleckt haben, und dem Lazarus, der zum Leben wieder erweckt wurde (Joh 11, 1-44). In Westafrika gibt es den Seuchengott Sakpata (oder Soponna), der Heilung bringt und sich für Schwache einsetzt. Zugleich kann er aber auch Krankheiten schicken. In Kuba wird Babalu Ayé somit oftmals mit Krücken und mit Hunden als Begleitfiguren dargestellt. Seine Farben sind bräunlich, schwarz und lila.
  • Weiterhin gibt es Ogun oder St. Petrus, der Gott des Eisens, assoziiert mit Waffen und Werkzeugen. Zuständig ist er für Technologien und für die Schmiede. Seine Farben sind schwarz und grün.
  • Ochosi (St. Norbert) ist der Gott der Jagd und Zielstrebigkeit, seine Farben sind blau und gelb.
Foto: Markus Matzel / Soul of Africa Museum
Ochosi, Orichá der Jagd. Foto: Markus Matzel / Soul of Africa Museum.
  • Orunmila (St. Franziskus von Assis) mit den Farben grün und gelb, ist der Gott des Fa-Orakels, mit dessen Hilfe das Gleichgewicht im Kosmos wieder hergestellt bzw. erhalten werden soll.
  • Ibeyi, die göttlichen Zwillinge, sind die Heiligen Cosmas und Damian, Zeichen für die Polarität der Welt.
  • Das wilde Element, das Chaos, wird durch Eshu, fälschlich mit dem Teufel gleichgesetzt, zum Ausdruck gebracht, denn das so genannte Gute hat stets in der Welt einen Widerpart. Kosmos und Chaos bedingen sich gegenseitig. Ein Element der Steuerung ist das Orakel. (Mehr zum Orakel in einem meiner nächsten Beiträge.)

Die afrikanische Herkunft der Orishas ist unterschiedlich, da auf Kuba Sklaven und Glaubensvorstellungen aus unterschiedlichen Regionen aufeinandertrafen. So hat Yemayá ihren Ursprung vornehmlich in Abeokuta im heutigen Nigeria, Babalu Ayé eher an der Westgrenze Nigerias. Orunmila hingegen stammt wie die Schöpfergottheit Oduduwa aus Ile-Ife.

Repräsentanzen und Einweihungen

Betrachtet man die Sammlung des Soul of Afrika Museums, so fallen einem die vielen Terrinen aus Porzellan auf. Sie sind typisch für die Regla de Ocha: Die Gottheiten werden repräsentiert durch heilige Steine in Gefäßen, die aussehen wie bemalte Suppenterrinen. Hinzukommen Perlenketten in den Farben der jeweiligen Götter/Geister sowie Accessoires wie Fächer für Ochun, Spielzeug für Elegua, weiße Zigaretten für Shango usw. Bei den Zeremonien, Tänzen und Trancen tragen die Anhänger und Anhängerinnen Kleidung in den Farben der jeweiligen Götter. Wichtig sind Musik, Tanz und Trommel. Die Bata-Trommeln sind dem Geist Ana geweiht.

In Kuba werden Santería-Tänze auf der Straße in den farbenfrohen Gewändern der Götter aufgeführt. In die Kulte der Götter aber muss man in ausgefeilten Zeremonien initiiert werden und innerhalb herrscht eine Hierarchie unter den Eingeweihten. Männer sowie Frauen können eingeweiht werden in den Kult und selber Einweihungen durchführen.

Der Orisha, der einem bei der Initiation zuerkannt wird, wohnt im Kopf der Menschen, er ist „mit dem Orisha gekrönt“. Ob man mit nur einem Orisha gekrönt werden oder ob man auch mehrere Orishas haben kann, wird in verschiedenen Linien der Santería unterschiedlich gehandhabt..

Es gibt übrigens keine Form „anerkannter Santería-Theologie“ oder schriftliche Überlieferungen von Vorgaben für Zeremonien: Santería ist stets im Wandel, auch wenn es durchgängige Anschauungen und Muster gibt.

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