Das Große Theater des Erzählens Pansori „Jeokbyeokga – das Lied vom Roten Felsen“ in Düsseldorf und Hamburg

Für Pansori in Deutschland ein Publikum zu finden, erscheint im ersten Moment ziemlich aussichtslos. Ein Sänger und ein Trommler, die zusammen einen Roman vortragen? Auf Koreanisch? Und den Text soll man „simultan“ mitlesen?

Die weißgewandeten Musiker auf dem Plakat machen aber einen fröhlich-feierlichen Eindruck und Erzählen wird hier offenbar doch zu einem Geschehnis. Und so ist es auch tatsächlich. Pansori ist ein minimalistisches Gesamtkunstwerk, das Literatur, Musik und Darstellende Kunst in größter Kompaktheit und größter Effizienz in sich vereint. Alle künstlerischen Elemente kulminieren im Erzählen. Aber waren sie je getrennt? Ist der Ursprung dieser Kunst nicht das wunderbare alte Talent der Koreaner zum Erzählen und Zuhören? Und wurde im Pansori nicht das Sprechen zum Gesang, die Geschichte zum Roman und sogar die Reaktion der Zuhörer zu der Konvention, die man „Chuimsae“ nennt, die lobenden Anfeuerungsrufe?

Im Pansori wird die aktive Phantasie des Zuschauers zum wichtigen Teil des Erlebnisses. Denn anders als ein Kinofilm ist Pansori kein Fertigprodukt aus Ton, Text und Bild. Und anders als im Theater gibt es nicht die Schauspieler, in die sich der Zuschauer per Identifizierung hineindenken könnte. Die Kunst des Pansori-Sängers und seines Begleiters besteht nämlich darin, den Zuschauer einzuladen, dem Erzählen beizuwohnen und das Erzählte gegenwärtig werden zu lassen. Die Textprojektion, immer nah über dem Kopf des Sängers, ist da bei uns unverzichtbar und hocheffektiv. Da der Zuschauer aufgefordert ist, die Erzählsituation ganz persönlich zu nehmen und gern mit kleinen Ausrufen (Chuimsae) zu reagieren, wird eine Pansori-Aufführung zum Gemeinschaftserlebnis. Ein Pansori ist eben kein Klavier-Abend.

Doch das muß der Deutsche erst einmal wissen.

Am 29. September im Düsseldorfer Theatermuseum und am 3. Oktober im Hamburger Völkerkundemuseum (das sich schon zum vierten Mal seit 2004 für Pansori engagierte) wurde das Pansori Jeokbyeokga – das Lied vom Roten Felsen, mit dem Sänger Yun Jin-chul und als Begleiter Cho Yong-su aufgeführt. Ohne die Einladung der Deutsch-Koreanischen Gesellschaft Hamburg, die sogar die Flugkosten für die Künstler übernahm, der großzügigen Zuwendung eines privaten Düsseldorfer Sponsors und die selbstlose und tätige Unterstützung des dortigen Theatermuseums wäre die kleine Tournee nicht zustande gekommenIn den beiden Aufführungen des Pansoris Jeokbyeokga in Düsseldorf am 29. September und in Hamburg am 3. Oktober 2015, die ich auszurichten helfen durfte und für die ich die Textprojektion vorbereitet hatte, habe ich im Anschluß an meine kurze Einführung noch ein Chuimsae-Training gegeben, einerseits um die koreanischen ZuhörerInnen zu ermutigen, ihrem Gefühl freien Lauf zu lassen und den Deutschen zu erklären, daß es sich dabei nicht um schlechtes Benehmen handelt (denn „Eine Pansori-Aufführung ist kein Quartettabend!“), aber auch, um sie selbst zu animieren, in die Atempausen des Sängers Laute des Wohlgefallens zu werfen.

Ich kann keine Kritik über eine Aufführung schreiben, die ich selber mitgestaltet habe. Aber trotz sehr eindringlicher Versuche meinerseits, zu den Redaktionen von Zeitung und Rundfunk vorzudringen, zahlloser persönlicher e-mails und vieler Anrufe hat es in beiden Städten keinerlei Beachtung vonseiten der Presse gegeben. Die ernste Frage ist, zu welchem Zweck es Zeitungen und Radio gibt, wenn sie nicht über ungewöhnliche Ereignisse berichten? Da aber beide Säle – die Studiobühne des Düsseldorfer Theatermuseums und der Vortragssaal des Hamburger Völkerkundemuseums – ausverkauft waren, kann es zumindest darüber kein Bedauern geben.

Unendlich dankbar waren alle Beteiligten über die Einladung der Deutsch-Koreanischen Gesellschaft Hamburg e.V., die sogar für die Flugkosten der Künstler aufgekommen war, und einem privaten Sponsor aus Düsseldorf, der die dortige Aufführung erst ermöglichte, nachdem sich auch das Düsseldorfer Theatermuseum unter Verzicht auf alle Einnahmen zur Verfügung gestellt hatte. Trotz vollkommener Nichtbeachtung vonseiten der Presse waren beide Säle rappelvoll, und die Seelen aller quollen über von Vergnügen und Belebung durch die intensive Ansprache.

Die Stimme eines Pansori-Sängers entwickelt sich auch nach der Ausbildung weiter. Yun Jin-chul, jetzt mit 51 in seinen besten Jahren, besitzt bei einer grundsätzlichen Klarheit der Stimme das volle Spektrum des Ausdrucks. Manche ältere Sänger, zum Beispiel war es so bei Yuns Lehrer Jeong Gweon-jin, haben im höheren Alter eine „Willy-Brandt-Stimme“. Der Qualität des Gesangs tut das keinen Abbruch, solang der Ausdruck nicht darunter leidet. Ausdruck ist die Substanz des Pansori-Gesangs und der Ausdruck greift tief in die Seele des Menschen. Es sind die allgemeinverständlichen Urlaute des Leidens und der Freude und aller Dinge im Leben, die im Pansori-Gesang gestaltet werden. Die Melodien, die gleichwohl sorgfältig vom Lehrer auf den Schüler übergehen, verlieren dadurch die Dominanz, die sie im klassischen westlichen Kunstlied oder in der Oper haben. Die zahlreichen Exaltationen des Stimmlichen bringen den Pansori-Gesang aber in die Nähe sowohl von Rock und Blues, als auch von westlicher Avantgarde, hat doch z.B. in der Musik von Helmut Lachenmann das instrumentale Geräusch eine hohe Stellung, oder bei Giacinto Scelsi der subtil gestaltete Klang. Dies ist, was die alte koreanische Musik uns heutigen Westlern so leicht zugänglich machen könnte: daß ihre Sensibilitäten im Klang, in der Gestaltung des klingenden Tons, in der Gestaltung des Geräuschhaften liegen.

So auch bei Yun Jin-chul! Ausdrucksvolle Heiserkeiten stehen ihm neben einer klaren Sprechstimme in großer Zahl zur Verfügung.

Die Aufführung begann wie üblich mit einem Dan’ga, einem Lied zum Aufwärmen der Stimme und des Publikums, das Yun nutzte, die Chuimsae vom Publikum einzufordern. Das Pansori „Jeokbyeokga“ dann hub gemächlich an, mit einer langen Erzählpassage (Aniri), die die Erwartung steigerte und sich im ersten Gesang (Sori) entlud, und die Überraschung war den Zuschauern wohl die größte, daß ein krähendes Überschlagen der Stimme, das in schmerzvolles Heulen mündet und sich in einem Louis-Armstrong-würdigen Knurren ausrollt.

Viel Information hatten die Zuschauer da in großer Eile in der Projektion mitzulesen. Das Koreanische ist eine sehr knappe Sprache, silbenmäßig vielleicht halb so lang wie das Deutsche. Als sich aber im Gesang der Textfluß verlangsamte, konnte man erleichtert feststellen, daß es nicht schwer war, zu folgen. Die Projektion, immer möglichst nah über dem Kopf des Sängers, ermöglichte jedem, ihn und den Text im Auge zu behalten. Eine Aufführung von 2, 3 oder 4 Stunden rauscht dann ganz rasch vorüber. Wo heute nicht nur im Kino, sondern auch im Theater Reizüberflutung herrscht, läßt ein Pansori jedem seine Zeit. Auch darin, in dieser Reduktion der Mittel und seiner Gemächlichkeit, liegt das Erfrischende.

Yun und Cho sind schon seit vielen Jahren ein eingespieltes Team. Cho Yong-su war als Gosu (Begleiter) nicht nur ein aufmerksamer Wächter über die komplizierten Jangdans genannten Rhythmusmuster, sondern auch ein wunderbarer erster Zuhörer. Ihm wandte sich Yun immer wieder lebhaft zu und dieser ließ oft ganze Kaskaden seiner Chuimsae hören, als wäre er drei Männer in einem.

Das Schlachtengemälde Jeokbyeokga ist unter den fünf noch existierenden Pansoris das anspruchsvollste und war in Korea unter den Aristokraten, die ja erst Mitte des 18. Jahrhunderts begannen, Pansori als Kunst anzuerkennen, das beliebteste. Aber, nur Männer, keine Liebesgeschichte, unglaublich viele Namen historischer Helden und ausführliche Schilderungen von Politik und Strategien!? Während die anderen vier, die jedes für sich keinem anderen gleichen, auf Volkserzählungen beruhen, welche in vielen asiatischen Kulturen existieren, geht Jeokbyeokga direkt auf den riesigen „Roman von den Drei Reichen“ des chinesischen Autors Luo Guanzhong aus dem 14. Jahrhundert zurück. Dieser handelte von den kriegerischen Ereignissen im untergehenden Kaiserreich der Han-Dynastie. Das Pansori Jeokbyeokga konzentriert sich auf den Höhepunkt des Krieges und die schicksalhafte Schlacht am Roten Felsen im Jangtse-Fluß. Ich fragte Herrn Yun, inwieweit sich das Pansori noch auf diesen Roman beziehe, und er erklärte mir, es gebe gar keinen Unterschied zu den anderen Stücken. Der Roman sei schon bald nach Erscheinen auch in Korea äußerst beliebt gewesen, die Legenden auch schon vorher bekannt, und so habe er selbst als Besitz des Volkswissens gegolten. Die frühen Pansori-Sänger hätten, so Yun, ihn sich auf ihre Art und Weise angeeignet und ergänzt.

Die Spuren dieser langen und abwechslungsreichen Entstehungsgeschichte sind im Text von Jeokbyeokga noch immer gut auffindbar, denn neben der „Story“ über den Plan dreier Kriegshelden, gegen den Kanzler des Han-Reiches, Cao Cao, aufzustehen und dessen Übermacht durch gewitzte Strategien zu brechen, finden sich die Einfügungen von edlen Gedichten, welche die Aristokraten des 19. Jahrhunderts bestellt hatten, sowie die doneum genannten Hinzufügungen der Sänger selber, die offenbar an Steigerungen von Rührung und Groteske ihren Spaß hatten. Zur Handlung als solcher tragen Szenen wie z.B. der Wettstreit der Soldaten um die größte Trauer über den bevorstehenden Verlust des Lebens, oder die lange Schilderung der wahnwitzigen Verstümmelungen von Cao Caos wenigen überlebenden Soldaten nicht bei, sind aber Bestandteil des Pansori-Erlebnisses, welches auch aus dem Zusammensein und dem Amüsieren besteht. Und wie sich die Wonne dieser „himmlischen Längen“ anfühlte, haben die Zuschauer in Hamburg und Düsseldorf auch trotz einiger Kürzungen erleben können.

Pansori-Aufführung im Museum für Völkerkunde Hamburg:

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