Pansori im Museum: Jeokbyeokga – das Lied vom Roten Felsen

Blogbeitrag von Matthias Entreß, Journalist und Musikkurator aus Berlin. Matthias Entreß betreut seit vielen Jahren Aufführungen der großen künstlerischen Musikformen der koreanischen Tradition. In Hamburg war er als Kurator an den Pansori-Aufführungen „Simcheong-ga“ 2004, „Sugung-ga“ 2009, „Heungbo-ga“ 2013, sowie an den Konzerten mit Hwang Byungki (Gayageum-Recital) 2004, Jeong Ga Ak Hoe (aristokratische Kammermusik) 2007, Minsog-ak (2 Konzerte mit Musik der koreanischen Volkstradition) 2011 beteiligt.

Am 3. Oktober findet um 17 Uhr im Museum für Völkerkunde Hamburg eine Aufführung des Pansoris „Jeokbyeokga – Das Lied vom Roten Felsen“ statt.
Pansori ist der gesungene Roman koreanischer Volkstradition, dessen Ursprung wahrscheinlich auf den Marktplätzen im Süden Koreas des 10. Jahrhunderts liegt, aber insbesondere seit dem 17. Jahrhundert eine Entwicklung zu einer der ausgefeiltesten Vortragskünste entwickelt hat. Mit nur einem Sänger und einem Trommler scheint es zwar die magerste Oper zu sein, die man sich vorstellen kann, aber die überwältigende Virtuosität des Gesangs, seine extreme Ausdrucksvielfalt, die tief aus den Urlauten der menschlichen Gefühle schöpft, und die in jedem Detail auf direkte Wirkung hin gearbeiteten Erzählungen (fünf sind bis heute mündlich überliefert) machen es zur großen Begegnung mit der miterlebenden Phantasie.
Seit 2003 listet es die UNESCO als Immaterielles (mündlich überliefertes) Kulturerbe der Menschheit, und es hat, zumindest heute, kein Pendant in unserer Kultur.
Der koreanisch gesungene Text wird in unserer Aufführung simultan komplett auf deutsch projiziert.
Das Stück ist ein Kriegsepos über die Seeschlacht am Roten Felsen, 208 n. Chr. am Jangtse-Fluß, welche den Krieg der Drei Reiche entschied – aber wie in jedem Pansori menschelt es heftig und die legendären Kriegsfürsten werden gnadenlos auf menschliches Maß zurechtgestutzt.

Pansori_Yun und Cho (1)Der Sänger Yun Jin-chul, der in Korea sogar eine Fernsehshow zum Thema Pansori hatte, ist der perfekte Kommunikator, der den sprunghaften Wechsel von grotesker Clownerie bis zur tiefsten Tragik mit improvisatorischer Leichtigkeit beherrscht, während der Trommler Cho Yong-su traditionell als erster Zuhörer agiert, die komplexen Rhythmen kontrolliert und den Sänger im aufmerksamen Austausch anfeuert.

In früheren Aufführungen anderer Stücke, die ich seit 2004 in Deutschland ausgerichtet habe, hat sich gezeigt, daß diese fernöstliche Kunst alles andere als fremd wirkt, wenn man ihr Zeit gibt, und auch die deutschen Zuschauer tief berührt und begeistert.
Hier etwas online-Material:
• Yun Jin-chul singt „Jeokbyeokga“ (youtube)
• Über “Sugungga, das Lied vom Unterwasserpalast” (2009) mit Wang Ki-seok
• Großformatige Photos der Künstler und Musikbeispiele in guter Qualität: cloud

Kurze Einführung zum Pansori Jeokbyeokga

Die Aufstellung von Pansori ist so simpel wie schlagkräftig: Ein Sänger, ein Trommler, eine Geschichte, nichts weiter?
So einfach wie eine Klaviersonate oder ein Buch. Aber welch ein Leben, Leiden, Freude und Drama kann zwischen zwei Buchdeckeln stecken!
So auch im Pansori: ein ideal zusammengesetztes Medium, dessen Bestandteile sich zu einem vielschichtigen Gesamtkunstwerk bilden.
Die Sprache des Pansoris ist Koreanisch – das Koreanisch des Südens, das in der Erzählbegeisterung der Leute dort bereits diese hitzige Ausdrucksfülle hat, welche die Worte nie für sich läßt, sondern sie mit Mitgefühl aller Arten auflädt. Aus dieser Sprache müssen sich im Altertum diese wild ausbrechende Melodik und die überaus komplizierten Rhythmusmuster gebildet haben, die sowohl die südliche, schamanistisch geprägte Volksmusik als auch den Pansori-Gesang kennzeichnet, der diese Sprache zu einer hochverfeinerten Kunst erhebt: Die Kunst, menschlichen Regungen nun gar nicht mehr bloß koreanischen sondern urmenschlichen Ausdruck zu verleihen.
Es gibt keinen klaren Aufschluß, wann diese Kunst ihren Ursprung nahm. Glaubwürdig scheint mir die Vermutung, es habe sich aus den Possen der Gaukler auf den Marktplätzen des Südens im 10. Jahrhundert entwickelt. Erstmals ausführlich beschrieben und da schon weit entwickelt, wurde es 1753; bis dahin war Pansori bei der Oberschicht verpönt, doch nun nahm sie nach und nach Besitz davon und von ursprünglich 12 beliebten Stücken fanden nur fünf Anerkennung bei den aristokratischen Auftraggebern. Diese gaben den Sängern auf, gelehrte Lyrik, oft in Schriftchinesisch, was die angeblich analphabetischen Sänger überhaupt nicht verstanden, in ihre Gesänge einzufügen; die Missionare, die Ende des 19. Jahrhunderts kamen, monierten die vielen obszönen Passagen, die so aus der Tradition herausfielen. Bis dahin war Pansori rein mündlich vermittelt worden, sodaß es von den verlorenen Stücken und Passagen kaum Spuren gibt.
In dieser mündlich überlieferten Kunst also spiegelt sich ihre ganze Geschichte, und es erklärt manche Sprunghaftigkeit des Sprachstils.
Die fünf überlebenden Werke sind alle Prototypen ihrer Gattung, denen aber kein Nachahmerprodukt das Wasser reichen könnte. Einmalige Klassiker: „Chunhyang-ga“ – Ein Sozialdrama über eine unmögliche Liebe, „Simcheong-ga“ – ein rührendes Märchen über einen blinden Mann und seine treue Tochter, „Sugung-ga“ – eine Fabel als Satire aufs Militärwesen und Beamtentum, „Heungbo-ga“ – eine Moralische Parabel über den guten und den bösen Bruder – und das überwältigende Schlachtengemälde und Historiendrama „Jeokbyeokga – Das Lied vom Roten Felsen“, das Sie nun hören.
Während die anderen vier mehr oder weniger auf populären Volkserzählungen beruhen, ist die Quelle von Jeokbyeokga ein berühmter chinesischer Roman über den Krieg der drei Reiche im alten China. Es erfreute sich, da sozusagen von Grund auf gelehrten Inhalts, besonderer Beliebtheit bei der koreanischen Oberschicht, aber es ist wie die anderen auch knallvoll mit dem entwaffneten Witz der koreanischen Volksseele.

Wir projizieren den Text komplett und simultan. Da es bisher keine literarische deutsche Übersetzung von diesem Stück gibt, habe ich auf die etwas simple englische Übersetzung zurückgegriffen, die relativ leicht zu übersetzen war. Ich hoffe, sie läßt sich auch leicht mitlesen. Es gibt aber Stolpersteine, und das sind die wirklich vielen Namen legendärer Kriegshelden. Für die gebildeten Leute im 19. Jahrhundert waren das alles berühmte Namen wie für uns vielleicht Karl der Große, Bismarck und Brandt. Diese bei uns allergrößtenteils unbekannte Namen ließen sich in diesem Zusammenhang unmöglich erläutern, sie wegzulassen hätte den Text an den betreffenden Stellen aber irgendwie dürr erscheinen lassen. Ich bitte Sie einfach, sie stoisch hinzunehmen und ihnen nicht zuviel Gewicht zu unterstellen. Daß Mystik und Geschichte als Hintergrundmusik mitschwingen, ist allen Pansoris eigen.

Die Kunst des Pansoris ist die direkte Ansprache ans Publikum. Alles passiert im Moment des Erzählens. Alles ist auch darauf angelegt, die Zuhörer bei der Stange zu halten. Aber das ist kein Streichquartettabend, wo die Zuhörer nur hübsch ruhig sitzen und lauschen müssen. Dem Sänger hilft es ungemein, wenn das Publikum reagiert und dafür gibt es einen Begriff: Chuimsae; das sind die Anfeuerungsrufe, die verhindern, daß die Bühne in den drei oder vier Stunden zum einsamsten Ort der Welt wird.

Eolssigu – Jodta – Chalhanda, auf deutsch: Toll! Gefällt mir! Gut gemacht!
Wang Kiseok und Han Seungseok, 13.11.2004 im Berliner Podewil: „Simcheongga“:

simcheongga

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