Rede von Sonja Lahnstein-Kandel anlässlich der Ausstellungseröffnung „EXIL. Photographien von Antoine Wagner“

Lieber Antoine Wagner, liebe Gäste,

„Die Fahrt ins Exil ist „the journey of no return“. Wer sie antritt und von der Heimkehr träumt, ist verloren. Er mag wiederkehren – aber der Ort, den er dann findet, ist nicht mehr der gleiche, den er verlassen hat, und er selbst ist nicht mehr der gleiche, der fortgegangen ist“.

Als ich gebeten wurde, zu dieser Eröffnung ein paar Worte zu sprechen, dachte ich zunächst ganz unweigerlich auch an meine eigene Erfahrung– als ich als Heranwachsende mit meinen Eltern die vertraute Heimat verlassen musste. Ich fand dann während der Vorbereitung unter den eindrucksvollen begleitenden Texten von Hans-Jürgen Fink dieses Zitat des berühmten deutschen Schriftstellers, Carl Zuckmayer, der 1939 ins Exil gehen musste. Das brachte auch bei mir wieder so Vieles hoch was schon lange vergraben schien.

Und noch eine ganz andere, da sehr hoffnungsvolle und wie ich finde wichtige Aussage möchte ich meinen Worten voranstellen: nämlich die von Antoine Wagner selber. Er sagt: „Es ist nahezu egal, ob jemand vertrieben wird, fliehen muss oder freiwillig losgeht – den Zustand EXIL kennen sie alle. Immer ist das schwer – und doch auch ein Zustand, in dem vieles aufblühen kann. „Im besten Fall“ sagt er, „wächst daraus eine kreative Kraft, die in beiden Kulturen Neues schafft“.

Meine Damen und Herren, Sie werden gleich eine wunderbare, vielschichtige und sehr dichte Ausstellung erleben.

Antoine Wagner porträtierte mit sehr viel Einfühlungsvermögen,  ja geradezu mit Liebe 21 Menschen. Künstler und Intellektuelle, die auf die eine oder andere Weise durch Flucht, Exil, Vertreibung oder Migration den Weg nach Deutschland gesucht oder gefunden haben. Seine Art sie zu porträtieren gibt diesen Menschen eine stille Schönheit und Würde, eine Intensität. Sie schauen uns direkt an – selbstbewusst und doch verletzlich. Sie berühren unsere Herzen, sie beeindrucken in der Mischung von Glaubwürdigkeit, von Kraft aber auch von Einsamkeit, hinter der sich auch Ängste oder Schmerz verbergen. Antoine Wagner zwingt uns neugierig zu sein, und Neugier ist doch der Ursprung jeder guten Begegnung.

Die atemberaubenden Landschaften, die auch ästhetisch den Porträts gefühlvoll zugeordnet worden sind, bestärken diesen Eindruck bei uns – das Ungewisse, das Ewige, das Einsame und Undurchdringliche, ja sogar das Bedrohliche.

Landschaftsbilder die es so seit Menschengedenken gibt – genauso wie die Flucht und den Exil.

Und doch dürfen wir nicht romantisieren oder uns darin zu sehr ausruhen – denn das wäre ja bei der Thematik auch fatal. Dafür sorgen dann auch die bereits erwähnten schönen Texte von Hans-Jürgen Fink, der viele Wochen mit diesen 21 Menschen verbracht hat und sie behutsam – vielleicht zum allerersten Mal – zum Sprechen bewogen und ihre Geschichten so treffend mit eingefangen hat.

Sie erzählen, was es bedeutet, im Exil zu leben – die Kraft, die geht und die Kraft die kommt!

Und: für mich fast das Wichtigste an dieser Ausstellung – keine Mitleidskultur, nichts Belehrendes, keine Moralisierung. Wir brauchen eben nur unsere Augen und Herzen zu öffnen – unserer subjektiven Interpretation und dem spontanen Eindruck wird sehr viel Raum gelassen.

So ging es mir auch. Mein allererster Eindruck war, mir nochmals vor Augen zu führen, welche Bereicherung, welchen Schatz an Erfahrung, Kreativität und Kultur, welche existentiell benötigte Erneuerung unserer Gesellschaft durch diese Menschen, die man trocken und bürokratisch Exilanten, Einwanderer, Flüchtlinge oder einfach auch Menschen mit Migrationshintergrund nennen würde, erfährt.

Meine Damen und Herren, Exil, Flucht und Emigration sind zunächst Themen, die unabhängig von der Kunst zutiefst und für immer an die jüngere deutsche Geschichte gebunden sind. Kein anderes vermeintlich zivilisierte Land hat seine künstlerische und wissenschaftliche Elite, sei es aus rassistischen oder politischen Gründen, so systematisch und so mörderisch verfolgt und ihrer Existenzen beraubt, so dass ihr nur der ungewisse und traumatische Fluchtweg ins Ausland blieb.

Einige sind daran zerbrochen, andere waren im Stande, neue Chancen und Herausforderung für sich positiv zu nutzen und nochmals loszufliegen.

Doch damals wie heute: alle erfuhren das Gleiche – das Schicksal der Exilanten. Das Lavieren im Niemandsland, immer „out of place“, das Gastland immer auch ein „territory of non-belonging“, wie der Kulturtheoretiker Edward Said es beschrieb –

also eigentlich auf immer und ewig auf der Suche zwischen Herkunft und Zukunft – innerlich und äußerlich oft ein Außenseiter. Exilierte sind Ausgegrenzte im doppelten Sinne: Sie sind ausgeschlossen vom Leben in ihrer Ursprungsgemeinschaft im Heimatland und sie gehören nicht – oder noch nicht zur Gesellschaft, in der sie leben bzw. leben müssen. Die aufwühlende Mischung zwischen Verlust und Aufbruch ist immer präsent – im Alltag und in den Träumen, im Gepäck auch bei der zweiten Generation.

Anrührend weil so einfach beschreibt diesen Zustand z.B. Dan Thy Nguyen, Schauspieler, Regisseur und einer der von Antoine Wagner Porträtierten: „Auf der Schauspielschule hat man zu mir gesagt, dass man meine Gesichtszüge nicht versteht, ich solle mal besser Deutsch lernen. Es gab Gehübungen, da sollte ich „deutsch“ gehen. Fünf Jahre brauchte ich, meinen Mut zu sammeln, trotzdem Theater zu machen. Trotz der zweiten Generation – meine Vergangenheit steckt ja im Körper; wenn man versucht, sich etwas anderes vorzugaukeln, wird es eine Lüge.“

Meine Damen und Herren, ich kann verstehen, dass jemand der selbst dieses Schicksal persönlich nicht so erfahren hat, es schwer hat einen solchen Zustand zu begreifen. Aber oft fehlt auch der Willen dazu – auch bei uns immer noch ein riesengroßes Defizit – auch angesichts der größten Fluchtbewegungen der neueren Zeit – nicht nur aus Syrien, das uns fern sein mag sondern auch hier mitten in Europa – etwa in der Ukraine.

Die Bundesregierung hat gerade mitgeteilt, dass sie in diesem Jahr mit ca. 400.000 Asylanträgen rechnet.

Das Norwegian Refugee Council berichtete letzte Woche, das weltweit bisher nicht weniger als 38 Millionen Menschen – eine Rekordzahl – in ihren Staaten intern entwurzelt worden sein. Letztes Jahr sollen so elf Millionen neue Flüchtlinge hinzugekommen sein. Dabei versuchen immer mehr Binnenflüchtlinge aber auch Armutsflüchtlinge ins Ausland zu gelangen. Wie wir es gerade im Mittelmeer erleben, treibt die Verzweiflung Menschen dann sogar dazu, alles zu versuchen und sogar das eigene Leben bei gefährlichen Bootsfahrten zu riskieren.

Die schrecklichen Bilder dieser verzweifelten Menschen die im Mittelmeer umkommen oder um ihr nacktes Überleben kämpfen führen zu einer gewissen emotionalen Abstumpfung – was schrecklich ist. Genauso wie seinerzeit in den USA wo das dortige Emergency Rescue Committee verzweifelt nach Wegen suchte, angesichts der überwältigenden Indifferenz der Amerikaner gegenüber dem Schicksal der Massen unbekannter Flüchtlinge und der geschundenen Opfer der Nazi Ideologie. Einer dieser Wege war es insbesondere, die Künstler und Intellektuelle in den Vordergrund zu rücken. So stand z.B: 1940 in einem Brief des Committee Fundraisers Harald Oram folgendes: „Wenn wir Albert Einstein heute in Amerika überall im Land vorzeigen könnten, würden wir innerhalb kürzester Zeit eine Million sammeln können. Pablo Casals ist wahrscheinlich Hunderttausend wert, Picasso Fünfzigtausend“.

Da helfen dann schon eben eher ganz einzelne Schicksale oder Bilder, die uns das Drama des Exils vergegenwärtigen und die Empathie in uns wecken können.

Und deshalb will ich für einen Moment auch noch bei Künstlern bleiben, denn auch hier in der Ausstellung wurden vor allem Künstler porträtiert.

Vor ein paar Wochen war ich in Petropolis bei Rio de Janeiro – in der Casa Stephan Zweig. Auch Stephan Zweig musste damals ins Exil und fand dort Zuflucht. Eine herrlich grüne, fast europäisch angelegte Stadt, ein schönes Haus, ein wunderbares Klima, eine ihn liebende Frau – nichts konnte die Entwurzelung des Exils aufwiegen, nichts seinen Entschluss diesem entwurzelten Leben ein Ende zu setzen umkehren. Er sah keinen anderen Ausweg und so ging es vielen. Die Zerstörung seiner „geistigen Heimat Europa“ hatte ihn für sein Empfinden auch zerstört, seine Kräfte seien „durch die langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft“ schrieb er in seinem Abschiedsbrief.

Es musste aber auch nicht immer mit dem Freitod enden. Manchmal lag die Tragik ganz einfach darin, dass der Verlust der Verankerung so heftig empfunden wurde, dass die Kraft des Ausdrucks verloschen war – wie z. B. bei Lyonel Feininger. Obwohl es ihm gelang, sich als beliebter und erfolgreicher Künstler in den USA zu etablieren, fehlte seiner Kunst die Inspiration die er durch die deutsche Umgebung früher erfahren hatte.

Die Kraft die geht aber auch die Kraft die kommt!

Befreundet war Stephan Zweig im Exil mit dem Musiker Eugen Szenkar. Auch dieser musste vor den Nazis flüchten und gelangte über Wien, Moskau und Palästina schließlich auch nach Rio de Janeiro.

Dort gründete er das Orquestra Sinfonica Brasileira und feierte mit ihm große Erfolge. Er kehrte sogar 1949 nach Deutschland zurück und wurde Opern- und Generalmusikdirektor in Düsseldorf.

Oder Michael Blumenthal, der gerade vor einigen Tagen Ehrenbürger von Berlin wurde. Als deutscher Jude und aus einer zutiefst in deutscher Kultur verankerten Familie musste er vor den Nazis über Shanghai nach Amerika flüchten und schaffte es dort in die höchsten Sphären der politischen und wirtschaftlichen Elite. Das Land, das ihn vertrieben hatte, rief 60 Jahre später nach ihm als Gründungsdirektor des Jüdischen Museums in Berlin das er dann zum Weltruhm brachte.

Meine Damen und Herren – bei diesen Beispielen von damals wie auch in der Ausstellung heute – geht es zunächst einmal um Künstler und Intellektuelle, die im Vordergrund stehen, deren Schicksale wir dann eher nachvollziehen können, die wir sogar bewundern.

Der chinesische Stararchitekt, der schwarzafrikanische Nobelpreisträger – alle verstehen das. Alle reißen sich um sie.

Doch in Wahrheit geht es doch um ALLE Menschen.

Und nochmals – lassen Sie uns wie auch Antoine Wagner uns auffordert auf Definitionen und Begrifflichkeiten von Exil, Asyl, Diaspora und Migration verzichten. Diese sind wissenschaftlich oder auch bürokratisch bedeutsam – etwa wenn es um eine europäische Flüchtlingspolitik geht die festlegen soll, wie viele und nach welchen Kriterien wir überhaupt als Asylantragsteller zulassen, wie der schmale Grad zwischen Wirtschaftsflüchtlingen und politisch Verfolgten zu definieren ist oder um die aktuelle Debatte um ein neues Einwanderungsgesetz.

Erlauben wir uns also diese Unschärfe. Denn es geht ja hier um den Zustand des EXILS und letztendlich um die Würde eines jeden einzelnen Menschen.

Vorgestern formulierte es der Historiker Heinrich August Winkler im Deutschen Bundestag zum 8. Mai, dem Kriegsende in Europa vor 70 Jahren so: „Es ist die Mahnung die eigentliche Lehre der deutschen Geschichte 1933-1945 zu beherzigen – die Verpflichtung, unter den Umständen die Unantastbarkeit der Würde jedes einzelnen Menschen zu achten“.

Bei der heutigen Diskussion um Griechenland und die Finanzen geht es viel zu wenig um die Errungenschaften Europas für diese Menschenrechte. Bei allen Unterschieden – wir alle – wir sind Kinder und Träger dieser abendländischen Kultur. Der Segen der Aufklärung, die Verbrechen des Totalitären, die Realität von Auschwitz, der Frieden in Europa – das alles gehört zu unserem Abendland. Nichts kann hier ungeschehen gemacht, nichts darf vergessen werden. Nichts aber davon ist unabänderlich oder endgültig. Deshalb ist es wichtig, auch aus der Zivilgesellschaft heraus das Asyl in seiner Ursprungsbedeutung nicht nur als Schutz vor der Bedrohung zu gewährleisten sondern auch die dabei notwendige existenzielle und emotionale Grundsicherung im Auge zu haben.

Dies sage ich ausdrücklich hier im Museum für Völkerkunde, nur wenige hundert Meter entfernt von der Sophienterrasse, wo ein solcher sicherer Ort – ein modernes und integriertes Flüchtlingsheim eigentlich schon längst hätte entstehen sollen.

Wir sind hier in Deutschland aufgrund der Verantwortung für die Vergangenheit aber auch aufgrund der Tatsachen nach dem Krieg ganz besonders gefordert. Denn auch da ist Deutschland von Migrationen großen Stils gekennzeichnet gewesen. Die Millionen aus dem Osten, die Um- und Aussiedler aus Osteuropa, die Exilsuchenden aus der damaligen DDR, die sogenannten Gastarbeiter, die man regelrecht gelockt hatte.

Die seit Jahrhunderten gewonnenen Erfahrungen und ideellen Schätze der Zugereisten, die kulturelle Vielfalt die so entsteht und wenn wir es zulassen zur Normalsituation wird, die neuen Impulse die uns allen zu Gute kommen – das alles sollten wir als ein wertvolles Geschenk schätzen.

Antoine Wagner hilft uns heute dabei, das was wir intellektuell vielleicht wissen aber viel zu selten auch emotional an uns heranlassen, wie durch einen intimen Spiegel zu erleben.

Schließen möchte ich deshalb auch noch mit einer Aussage von Angelina Akpovo, Musikerin und Tänzerin aus Hamburg, ursprünglich aus Süd-Benin, die Sie in der Ausstellung treffen werden. „Ich bin gespalten in zwei Welten. Hier habe ich viele neue Mentalitäten entdeckt, neue Gefühle, ein ganz anderes Selbstbewusstsein. Ich habe mich auf andere Weise entwickelt, habe keine Scheu gegenüber Fremden, obwohl ich noch so erzogen wurde, anderen beim Reden nicht in die Augen zu schauen. Heute kann ich das. “

Ist das nicht wunderbar?

Herzlichen Dank!

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