Rede von Prof. Dr. Claus Friede anlässlich der Ausstellungseröffnung „EXIL. Photographien von Antoine Wagner“

 Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Auch ich möchte Sie herzlich begrüßen zur Eröffnung von „Exil“ mit Werken von Antoine Wagner und den weiteren Beteiligten, denn die Texte stammen von Hans-Juergen Fink und die Erzählungen von den Portraitierten.

Die Herausforderung dieser Ausstellung hier an der Rothenbaumchaussee liegt nicht allein in einer etwaigen Klärung des Begriffs Exil und den damit verbundenen Fragestellungen, welche Art der Migration denn Exil überhaupt sei, das ist hier sicherlich zur Diskussion gestellt. Die Herausforderung ist die Rezeption, nämlich dass das Publikum multimedial wahrnehmen muss, wenn es umfassend in die Tiefen dieser Ausstellung eintauchen möchte. Das einzelne Bild erschließt sich im inhaltlichen Licht nämlich nicht umfassend aus sich selbst, sondern nur aus dem vollständigen Kontext. Die Wahrnehmung aller angebotenen medialen Mittel führt erst zu einem Verständnis und zur informativen thematischen Auseinandersetzung. Tut das der Besucher nicht, bleibt er im Fragmentarischen verhaftet. Er kann sich zwar an der Ästhetik, der Atmosphäre und an den gefühlvollen Bildern erfreuen, aber die Sinnhaftigkeit wächst sich erst mit der Kombinierbarkeit der Bild- und Tonmittel aus.

Multimedial heißt: wir haben zwei Bildtypen, das Landschaftsbild und das Portrait, es gibt die schriftlichen Texte und es gibt das gesprochene Wort sowie Klang. Alle aufgezählten Medien sind gleichwertige Partner innerhalb dieser Ausstellung – ich bin daher eigentlich geneigt von einer Installation zu sprechen, weil es sich um ein raumgreifendes, inhalts- und situationsbezogenes Kunstwerk handelt. Das ist keine Kleinigkeit den Begriff Ausstellung nun fallenzulassen, sondern eine für mich notwendige Präzision, um eine ebenso präzise Beschäftigung mit dem Inhalt zu erhalten.

„Der Rezeption eines Bildes haftet – in seiner vermeintlichen Direktheit – unbewusst immer noch der Gestus des Dokumentarischen und damit des Realen, des Authentischen, an.“[1] Die Suche nach „Realitätsgerechtigkeit“ ist gerade bei einem Thema wie Exil verständlich, jedoch für Künstler – und das sind neben Antoine Wagner so gut wie alle Portraitierten ebenfalls – nicht Gebot. Sah man noch vor 180 Jahren in der Kunst die Welt mit dem Auge der Malerei, so hat die Fotografie dieses Auge im Laufe von Jahrzehnten als scheinbar glaubwürdige realistische Abbildung ersetzt und ist schließlich durch die Digitalisierung soweit weg von Wahrhaftigkeit wie die Malerei es damals war.

Die Rhetorik der Bilder ist nur soweit glaubwürdig, als wir es glauben möchten.

Natürlich ist das Gegenteil von vermeintlicher, unausweichlicher Direktheit bei Antoine Wagner so gewollt, denn seit den Ursprüngen der Fotografie, verstand sich das Medium neben dem dokumentarischen Festhalten auch immer als künstlerische Äußerung und Position. So zwingt der Fotograf den Betrachter das längst dekodierte Motiv durch seinen solitär aus der Welt herausgehobenen Ausdruck zu hinterfragen. Ist es wirklich das, was ich sehe? Die Aufklärung, ob es sich bei der Landschaft auf den Fotos tatsächlich um Landschaft als Thema handelt oder der Sinn ganz woanders zu suchen ist, oder darum ob es sich wirklich um das Engadin handelt, wird nur spärlich gegeben. Es kann sich ebenso gut um ein abgelichtetes Modell, eine digitale Scheinwelt-Montage handeln, ein abfotografiertes Detail einer Postkarte. Die Verortung wird durch die Behauptung des Künstlers, durch die Titel und die persönlichen eigenen historischen Zusammenhänge festgelegt sowie durch die Konfrontation mit heutigen Bedingungen.

Zwar gibt es die historischen Bezüge zum Ururgroßvater Richard Wagner und dessen Exil in der Schweiz zwischen 1849 und 1858, aber durch das Hinzufügen von zeitgenössischen Portraits aus dem Jahr 2015, sowie die textliche und sprachliche Kommunikation mit wie auch im einzelnen gearteten persönlichen Schicksalen, wird diese Installation zu einem „Archiv der Gegenwart“, denn der zeitliche Raum zwischen Richard Wagner im Schweizer Exil und den Portraitierten ist latent mitgedacht und stellvertretend für viele andere. Die Brücke vom Damals zum Heute ist somit geschlagen. Die direkte, konkrete und heutige Erfahrung, also das Erlebte von Exilanten und Migranten wird in dem Kontext Antoine Wagners immer sofort transformiert zum Erinnern und/oder synchron zum eigenen heutigen Reflektieren. Die Verantwortung was diese Installation mit uns macht liegt dadurch nicht allein beim Künstler, sondern auch bei uns Betrachtern. Wir müssen einen gehörigen Anteil der angebotenen Kommunikation aufnehmen und weiterführen. Diese Installation regt an zum Nachdenken und zum Diskutieren. Sie ist weder der l’art pour l’art-Ausdruck eines systemimmanenten innerkünstlerischen Diskurses, noch der einer rein soziokulturellen oder ethnologischen Auseinandersetzung. Sie ist schlichtweg wesentlicher: sie gesellschaftsrelevant, getragen durch künstlerische Ausdrucksmittel. Will sagen die Legitimation eine solche Arbeit in einem Völkerkundemuseum und nicht in einem Kunstmuseum zu zeigen ist hiermit erbracht.

Und weil die einzelnen Werkteile dieser Installation Realität und Abstraktion vermitteln, bilden sie einen großen gedanklichen Raum.

Sie mögen sich nun fragen welche Formen der Abstraktion in dieser Ausstellung zu sehen, lesen oder hören sind und ich gehe nun gerne in meinem kommenden Dreiklang darauf ein:

Der Dreiklang heißt Landschaft – Portrait – Text/Ton. Fangen wir an mit der Landschaft. Das Wort Landschaft wird vor allem in zwei Bedeutungen verwendet: zum einen bezeichnet es in der Geographie ein Gebiet, das sich durch naturwissenschaftlich erfassbare Merkmale von anderen Gebieten abgrenzt[2] und zum anderen wird es verwendet als kulturell geprägte, subjektive Wahrnehmung einer Gegend in seiner ästhetischen Ganzheit – also, ein philosophisch-kulturwissenschaftlicher Landschaftsbegriff.

Generell aber gibt es keine einheitliche Definition, was Landschaft sei, weshalb der Begriff aufgrund seiner lebensweltlichen, ästhetischen, territorialen, sozialen, politischen, ökonomischen und ethnologischen Bezüge auch als ein „kompositorischer“[3], bezeichnet werden kann, dessen „semantischer Hof“[4] von einer über tausendjährigen, mitteleuropäischen Ideen-, Literatur- und Kunstgeschichte geprägt wurde. Letzteres interessiert hier in besonderer Weise.

Landschaft ist in dieser kulturellen Konnotation als Haltepunkt der eigenen Existenz verankert. Wir wissen, dass deutsche Exilanten, die aus religiösen Gründen Mitte des 19. Jahrhunderts beispielsweise ihre süddeutsche Heimat im Schwarzwald verlassen haben sich deswegen im US-amerikanischen Bundesstaat Vermont ansiedelten, weil die Landschaft aussah wie in der Heimat oder Schleswig-Holsteiner bevorzugt nach Wisconsin emigrierten aus eben jenen Gründen. Die Landschaft schafft Vertrauen, der Raum schafft zumeist Verlässlichkeit und Bindung.

Eine verbreitete Vorstellung hält Landschaft einfach für ein Stück Natur. „Einfache“ Natur war jedoch noch nie „Landschaft“. Auch nicht in der Kunstgeschichte. Motivauswahl, Komposition und Arrangement von Naturelementen machten Landschaftsgemälde immer schon zu subjektiven Collagen. Heute lässt die digitale Bildbearbeitung Elemente miteinander verschmelzen, und es entstehen sogar Abbildungen von Orten der Welt, die ohne jede Vorlage vollständig oder größtenteils am Computer errechnet worden sind. Letzteres ist bei Antoine Wagner nicht der Fall, seine Landschaften sind neben einer rein ästhetischen dokumentarartigen Fotografie, an den bereits erwähnten historischen Kontext gebunden, der familiengeschichtlich zunächst als Ausgangspunkt zu sehen ist. Der Künstler schafft es aber, den Bildern eine für uns alle nachvollziehbare Gültigkeit zu verleihen. In dem Wissen, dass diese alpine Schweizer Landschaft Inspirationsquelle seinem Ururgroßvater Richard gedient hat ist die erste Abstraktion, weil wir weg vom Bildraum und hin zu einem Klangraum kommen.

Es gibt jedoch weitere Formen der bildnerischen Abstraktion. Auf sehr vielen Bildern ist nämlich tatsächlich kaum oder wenig Landschaft zu sehen, vielmehr eine verschleierte, wolkenummantelte Wirklichkeit. Es ist Wetter, Dunstschwaden, Flüssigkeit in verschiedenen Aggregatszuständen von fließendem Wasser über Wolken zu Schnee und Eis. Der vollständige Landschaftsraum ist den Blicken selten freigegeben, wir fangen lediglich an zu ahnen und zu vermuten. Wir schauen gegen das Licht in Silhouetten und mit dem Licht auf Felswände. Mystisch, archaisch wirken viele dieser Aufnahmen.

Diesen Landschaften setzt Antoine Wagner Portraits, die er erst kürzlich hier in Hamburg und Berlin aufnahm, dialogisch aneinander, als ob es einen tatsächlichen Bezug zwischen Verortung und Person gäbe. Den gibt es aber nicht wirklich, er ist frei konstruiert. Wagner hat ihn intuitiv verkoppelt.

Das Portrait – eigentlich müsste man von Brustbildern oder Büsten sprechen – zeigt Bilder der Identität. Ich benutze den Begriff auch deshalb, weil ihn Antoine Wagner benutzt, denn der französische Sprachraum verwendet für das deutsche Passbild das „photo d’identité“. Wagner bat die abgelichteten Protagonisten nämlich Kleidung und Gesichtsausdruck so zu wählen, wie sie das bei einem Passfoto ebenfalls machen würden. Zumeist wenig bis ungeschminkt, neutral, modisch zurückhaltend. Das Ergebnis – und hier hat sich der Fotograf für eine überaus wirkungsvolle und intelligente Lösung entschieden – ist eben nicht ein Gesichtsfoto, sondern ein, an die Renaissance-Malerei angelehntes Brustbildportrait, das realen Raum und Denkraum nach oben offen lässt, als ob der Fotograf mit Hilfe des Goldenen Schnitts auch noch die ideale Proportionierung zwischen Mensch und Umgebung gesucht hätte. Der nicht gefüllte Raum kann durchaus symbolisch als die Leere im Exil gedeutet werden, sowohl als einen externen Raum, den es neu zu füllen gibt in einem fremden Land und möglichweise in einem anderen kulturellen Sprachraum, zu anderen aber auch als Inneres Exil, in der harten Auseinandersetzung mit sich selbst, das immer auch das Aufgeben des eigenen ICHs in sich birgt. Das macht diesen Dialog so immens kraftvoll. Die Hängung ist aufgelockert auch in einer Verschiebung von der Regel Landschaftsbild-Portrait-Landschaftsbild-Portrait usw. hin in eine Abfolge von Portrait neben Portrait, was wiederum die bereits erwähnte Renaissance in die erste Reihe ruft und Paar-Bildnisse von Malern wie Jan van Eyck, Giovanni Bellini, Sandro Botticelli oder Lorenzo Lotto oder Büsten von Donatello assoziieren.

Eine Verortung der Herkunftsländer und Regionen, die Individualisierung der bestimmten Personen und deren Schicksale ist schließlich über die Texte, Erläuterungen und Hörstationen gegeben. Das ergibt wiederum einen neuen Dreiklang von unterschiedlicher Herkunft: über eine historisch konnotierte Berglandschaft zum hier und jetzt und dem neuen gemeinsamen Ort des Seins. Die Bilder der Landschaft, die Bilder der Portraitierten sind somit immer auch Projektionsflächen von Schicksalen, von Chancen, von gewonnener und verlorener Freiheit und von Möglichkeiten. Sie bergen aber ebenso in sich Zweifel, Skepsis, Unsicherheit und letztlich Scheitern.

Die Psyche der Landschaft ist der Landschaft der Psyche an die Hand gegeben. Verortung und Psyche gehen hier ein kausales Verhältnis ein.

Berthold Brechts Gedicht „Die Landschaft des Exils“ aus dem Jahr 1943 beschreibt 2/3 lang den schweren hoffnungslosen Weg ins Exil und erst am Schluss landet die Lyrik in den abendlichen Schluchten Kaliforniens und den dürstenden Gärten. Die Reisenden sind in seinem Gedicht zunächst lediglich in der Landschaft angekommen, noch nicht bei den Menschen. Diese Landschaften sind ebenso wenig unberührt wie die Menschen die dort bereits leben und schon gar nicht die dorthin ins Exil gehen müssen. Es sind keine Besucher, keine Bildungsreisenden, es sind zumeist Traumatisierte, Entronnene, die die langfristige Konfrontation mit dem Fremden wie eine große unvorhersehbare Bergwanderung aufgenommen haben. Ziel und Ergebnis offen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und bitte nun Antoine Sie in die Installation zu führen!

Es gilt das gesprochene Wort. © Alle Rechte liegen beim Autor: Prof. Claus Friede, Hamburg 2015. Der Text ist ganz oder in Teilen ausschließlich mit Genehmigung des Urhebers zu veröffentlichen und dann nur mit Namens- und Quellenangabe.

[1] Vgl.: GRISKO, Michael: „Unscharfe Bilder“ über das gleichnamige Buch von Ulla Hahn, bei www.literaturkritik.de

[2] HARD, Gerhard: „Die Landschaft der Sprache und die ‚Landschaft‘ der Geographen. Semantische und forschungslogische Studien“. Dümmler, Bonn 1970; PIEPMEIER, Rainer: „Landschaft, III. Der ästhetisch-philosophische Begriff. In: J. Ritter et al. (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 5. Darmstadt 1980: Sp. 15-28; WINKLER, E.: „Landschaft, II. Der geographische Landschaftsbegriff“. Ebd.: Sp. 13-15; JESSEL, Beate: „Landschaft“. In: E.-H. Ritter (Leiter Red.-Ausschuss): Handwörterbuch der Raumordnung. ARL, Hannover 2005: S. 579–586; KIRCHHOFF, Thomas: „Natur als kulturelles Konzept“. In: Zeitschrift für Kulturphilosophie 2011/5 (1): S. 69–96.

[3] IPSEN, D.; REICHHARDT, U.; SCHUSTER, St.; WEHRLE, A.; WEICHLER, H. (2003): „Zukunft Landschaft. Bürgerszenarien zur Landschaftsentwicklung“. Kassel. S. 130.

[4] HARD, G. (1969): „Das Wort Landschaft und sein semantischer Hof. Zur Methode und Ergebnis eines linguistischen Tests“. Wirkendes Wort 19, 3-14. S. 10.

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