Forschungszusammenarbeit mit Südkorea

Hallo,

ich heiße Susanne Knödel und leite die Abteilung Ost- und Südasien. Seit einigen Jahren beschäftige ich mich intensiv mit unserer Korea-Sammlung. Darüber habe ich in früheren Blogs schon berichtet. Nun gibt es aufregende Neuigkeiten: Wir bekommen ab sofort große Unterstützung aus Südkorea!

Das „National Research Institute of Cultural Heritage“ (NRICH) hat nämlich ein Forschungsprojekt bei uns begonnen. Dieses Institut untersucht bedeutende Koreasammlungen auf der ganzen Welt. Nach Abschluss der Forschungen wird dann ein Katalog  publiziert, in dem die Objekte in tollen Farbfotos gezeigt und auf  koreanisch und englisch erklärt werden.

Prof. Köpke und ich hatten schon lange versucht, NRICH auf uns aufmerksam zu machen. Unsere Koreasammlung ist nämlich tatsächlich sehr bedeutend. Viele der Objekte stammen aus dem Königshaus. Sie sind Zeugnisse der ersten diplomatischen Beziehungen und des frühesten wissenschaftlichen Austauschs zwischen unseren beiden Ländern:

Im Jahr 1886 beauftragte nämlich König Kojong einen Hamburger Kaufmann, Korea in Deutschland diplomatisch zu vertreten. Dieser Kaufmann – der spätere Konsul Eduard Meyer – hat uns im Lauf der Jahre viele seiner Sammlungsstücke übergeben. Darunter sind Dinge, die damals nur ein König oder eine sehr hochgestellte Person besitzen durfte, zum Beispiel Seladon-Keramiken und große, von Hofmalern bemalte Stellschirme. Als handfester Kaufmann hat Mayer aber auch einfache Warenmuster und Alltagsgegenstände mitgebracht.

Gleichzeitig mit Mayer war ein Hamburger Geologe, Dr. Carl Gottsche, im Land unterwegs. Er suchte für König Kojong nach Bodenschätzen. Er konnte präzise, oft handgemalte oder mit Holzblock-Technik gedruckte Landkarten mitnehmen. So etwas durften „normale Leute“ damals gar nicht besitzen – die Karten galten als Staatsgeheimnisse.

Das Forschungsprojekt wird mehrere Jahre dauern. In dieser Zeit werden wir immer wieder Besuch aus Korea bekommen. Jetzt liegt die erste Forschungswoche gerade hinter uns: Fünf Wissenschaftler-Kolleginnen aus Korea kamen voll ausgerüstet mit LED-Lämpchen, Lupen, Maßbändern – und einer schier unerschöpflichen Energie.

1 Kunstexpertin Hwang Jungyon mit alten Drucken und Datenblatt

Kunstexpertin Hwang Jungyon mit alten Drucken und einem Datenblatt.

Für Kleidung war Dr. Kim Yeongjae zuständig. Sie ist  eine Textilexpertin vom National Folk Museum. Kim Myeong-ju von NRICH arbeitet als Forschungsassistentin mit ihr zusammen. Die Expertin untersuchte das Objekt und diktierte, die Assistentin füllte ein vorbereitetes Formular für das Objekt aus. Auf diese Weise wurden keine Details „vergessen“, wie einem das ja sonst passieren kann, wenn man schnell arbeitet.

2 Textilexpertin Kim Yeongjae untersucht eine Haube

Textilexpertin Kim Yeongjae untersucht eine Haube.

Als Expertin für Malerei war Hwang Jung-yon mitgekommen, eine Kunsthistorikerin, die bei NRICH angestellt ist. Die Projektleiterin Im Soyeon sprang ein, wann und wo sie gebraucht wurde. Sie hat  früher am Nationalen Palastmuseum gearbeitet, ist also ebenfalls ein „alter Hase“.  Der Fotograf Seo Heun-Kang hatte  eine Fotoecke eingerichtet und fotografierte sofort alle fertig untersuchten Objekte. Auch eine Dolmetscherin war mit von der Partie: Jungmi Lee-Böttcher aus Berlin. Sie übersetzte die Kommentare der Forscher für mich, und ich konnte sie sofort in unsere Datenbank eingeben.

3 Fotograf Seo Heunkang mit dem hauchzarten Gewand einer Unterhalterin

Fotograf Seo Heunkang mit dem hauchzarten Gewand einer Tänzerin.

Vor der Forschungswoche mussten die Objekte erst einmal bereitgestellt werden. Das heißt: Im Magazin auspacken, richtig ordnen und zum Arbeitsraum bringen. Das allein hat diesmal eine Woche gedauert. Und während der Forschungsarbeit haben unser Objektarchivar Gerd Bandelin und die beiden Restauratorinnen Estelle Augustin und Britta Klose den Wissenschaftlern die Objekte angereicht und wieder weggeräumt. Das ist schon allein aus versicherungstechnischen Gründen nötig. Unsere Museumsbesucher sind oft verblüfft, wenn ich ihnen erzähle, wieviel Zeit und Personal für so eine Objektbegutachtung gebraucht wird. Es geht eben nicht nur darum, mal eben einen Schrank aufzumachen.

4 Objektarchivar Gerd Bandelin mit fertigen Textilien

Objektarchivar Gerd Bandelin mit fertigen Textilien.

Das tolle an diesem Projekt ist, dass NRICH wirklich alte, erfahrene Wissenschaftler schickt, die sofort einschätzen können, was sie vor sich haben. Sonst hat man es oft mit jungen Nachwuchswissenschaftlern zu tun, die ihre Erfahrungen erst noch machen müssen.  Wir können jetzt von dem Wissensschatz profitieren, den diese Leute im Laufe Ihres Lebens angesammelt haben. Ich war sehr beeindruckt von der Schnelligkeit und Professionalität, mit der meine koreanischen Kolleginnen stundenlang ein Objekt nach dem anderen bearbeiteten und mit welcher Sicherheit sie Aussagen machen konnten. Dieser Stellschirm zum Beispiel war im Nu datiert. Er zeigt das Geburtstagsfest einer historischen Person …

5 Stellschirm mit Geburtstagsfest

Stellschirm mit dem Geburtstagsfest des Generals Guo.

…und die Malerei folgt einem festgelegten Bildprogramm. Aber eine bestimmte Randfigur war nur im 18. Jh. Bestandteil des Programms: Es ist dieses junge Mädchen, das nach koreanischer Art im Stehen schaukelt.

6 Junges Mädchen auf der Schaukel

Datierungsmerkmal 18. Jh.: Ein junges Mädchen auf einer Schaukel.

Also ist unser Stellschirm viel älter, als wir dachen. Wir hatten ihn bisher auf Ende des 19. Jahrhunderts geschätzt.

Trotz der intensiven Arbeit war die Stimmung die ganze Zeit sehr gut. Abends gingen wir zusammen Hamburg erkunden und hatten auch dabei viel Spaß miteinander. Am letzten Abend haben alle Koreaner Labskaus probiert – und gerne gemocht! Wenn das kein  gutes Vorzeichen für die weitere Zusammenarbeit ist…

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