Kolonialismus und Museum – Einschätzungen einer Teilnehmerin des Seminars „Die Wahrnehmung des Anderen: Postkoloniale Zugänge“

Ein Blogbeitrag von Julia Heitmann, Studierende am Historischen Seminar der Universität Hamburg

Bild 1: Indianer-Tipi mit Bison in der Ausstellung “Indianer Nordamerikas“
Bild 1: Indianer-Tipi mit Bison in der Ausstellung “Indianer Nordamerikas“

Mein erster Besuch im Hamburger Museum für Völkerkunde fand vor vielen Jahren während einer „Langen Nacht der Museen“ statt, und ich muss ehrlich sagen, ich verließ das Museum damals enttäuscht und seltsam unbeeindruckt. Ich konnte zu diesem Zeitpunkt nicht ausdrücken, was mich gestört und was ich vermisst hatte, außer, dass ich den Großteil der Ausstellungen sehr vorhersehbar und wenig überraschend fand. Am stärksten in Erinnerung blieben mir das Indianer-Tipi und das lebensgroße Bison in der Nordamerika-Ausstellung – mein spontaner Gedanke war, dass bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg wenigstens noch Action dazu geboten wird.

Heute verstehe ich, dass es die Bestätigung von Stereotypen und Klischees war, unter denen die unbestreitbar wertvollen und imposanten Objekte des Museums ihren Glanz für mich verloren. Gruselige Masken, primitive Waffen und Werkzeuge, fremde religiöse Objekte: Besucher sehen im Museum vor allem das Exotische, das Unbekannte. Dabei findet unweigerlich eine Abgrenzung zwischen uns und den Anderen statt. Im Seminar „Die Wahrnehmung des Anderen“ lernen wir, wie alt diese Denkmuster und Repräsentationspraktiken sind, wie verheerend sie im Zeitalter des Kolonialismus angewendet wurden und – diese Erkenntnis bleibt nicht aus – auch heute noch werden.

Bild 2: Collage verschiedener Masken und Figuren in der Afrika-Ausstellung“
Bild 2: Collage verschiedener Masken und Figuren in der Afrika-Ausstellung“

Aber nicht nur viele Bilder und Vorstellungen, die das Museum transportiert, stammen aus dem Kolonialismus – auch ein großer Teil der ausgestellten Objekte. Unter welchen fragwürden Umständen sie ihren Weg nach Hamburg fanden, wird innerhalb der Ausstellungen nicht behandelt. Dies ist jedoch nur ein Aspekt, den wir Studierenden mit den Angestellten des Museums während der Seminarsitzungen diskutieren. Es geht auch um die große Frage, ob ein Museum in Hamburg, in Deutschland, überhaupt versuchen sollte, andere Kulturen darzustellen. Und was meinen wir mit anderen Kulturen? Was schwingt mit, wenn wir das Wort Kulturen benutzen? Und wer ist eigentlich wir? Je länger das Semester dauert, desto mehr Fragen werden aufgeworfen, auf die (noch) weder Studierende noch Museumsmitarbeiter eine Antwort haben.

In den Diskussionen wird außerdem klar, dass es mehr braucht als nur eine Ideologie, um etwas zu verändern. Aufzuzählen, was alles schlecht läuft, ist leicht. Die totale Umstrukturierung des Museums zu fordern, auch. Einige Studierende sind eher bereit als andere, zu akzeptieren, dass das Museum für Besucher attraktiv bleiben muss und dass die Angestellten sich beständig zwischen dem, was wünschenswert, und dem was finanziell machbar ist, bewegen.

Bild 3 : Die Eingangsvitrine der Afrika-Ausstellung
Bild 3 : Die Eingangsvitrine der Afrika-Ausstellung

Nichtsdestoweniger bleibt festzuhalten, dass es aus Sicht von uns Studierenden viele Baustellen gibt. Meiner Ansicht nach benötigt besonders der Afrika-Saal eine umfassende Neustrukturierung: Zunächst kann kein Museum den Anspruch erheben, einem riesigen Kontinent in nur einem Raum gerecht zu werden. Desweiteren erweckt die Ausstellung für mich den Eindruck, als wäre Afrika in seiner Geschichte irgendwo bei Geisteranbetung und Lendenschurz stehengeblieben. Ist etwa alles, was danach kam, nicht mehr afrikanisch? Etwa weil es nicht fremd genug, weil es uns vertraut ist? Hat sich unser Bild von Afrika seit dem Kolonialismus denn gar nicht geändert? Ähnliche Fragen lassen sich auch zu anderen Ausstellungen stellen.

Bei aller Kritik hören die Mitarbeiter des Museums Woche für Woche geduldig und interessiert dem zu, was wir Studierenden über ihre Arbeit zu sagen haben. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle bedanken. Ich habe den Eindruck, dass das Museum ein ehrliches Interesse an der Seminararbeit hat und unsere Ergebnisse zu Veränderungen führen können.

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