Kolonialismus – Völkerkunde – Museum. Zur Musealisierung von Differenz und ihrer Aufarbeitung im Zeitalter des Postkolonialismus

Ein Blogbeitrag on Prof. Dr. Jürgen Zimmerer, Professor für Geschichte Afrikas an der Universität Hamburg 

Kolonialismus gehört zu den folgenreichsten Entwicklungen und Phänomenen der Weltgeschichte. Würde ein(e) Historiker(in) in zwei- oder dreihundert Jahren auf das zweite Millennium unserer (europäischen) Zeitrechnung zurückblicken, so würde er/sie wohl Kolonialismus als DAS Kennzeichen schlechthin, zumindest der zweiten Jahrtausendhälfte, ausmachen. Beginnend mit dem 15. Jahrhundert vereinte der Kolonialismus buchstäblich die Welt. Wenn die Globalisierung das Kennzeichen des 21. Jahrhunderts ist, dann ist Kolonialismus dessen mehr als sechshundertjährige Vorgeschichte. Letzterer hat eine Weltordnung geschaffen, deren Ablösung wir derzeit beobachten. Nachdem das 20. Jahrhundert schon den Aufstieg Nordamerikas zur Supermacht gesehen hatte, erleben wir nun die deutliche tektonische Verschiebung der politischen, ökonomischen und kulturellen Macht von Europa/Nordamerika hin nach Asien und Afrika.

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Bild 1: Studierende aus dem Seminar „Die Wahrnehmung des Anderen“ und Prof. Dr. Jürgen Zimmerer im Museum für Völkerkunde Hamburg

Der realen politischen und wirtschaftlichen Entwicklung steht dabei hierzulande die über Jahrhunderte eingeübte Wahrnehmung der Welt mit Europa als ihr Zentrum entgegen. Diese Wahrnehmung, welche als grundsätzliche Annahme der europäischen Überlegenheit den Prozess der „Europäischen Expansion“ von Anfang an begleitete und legitimierte, baute auf Differenz, eine Differenz, die nicht nur Unterschiede markierte, sondern Über- und Unterlegenheiten festschrieb. Über die konkreten Folgen des Kolonialismus hinaus liegt darin ein weiteres Erbe des Kolonialismus als welthistorischem Phänomen, prägte sich darin doch aus, wie Europa die Welt und ihre Bewohner wahrnahm. Ein historisches Verständnis des Kolonialismus und seiner Auswirkungen und eine wirkliche Dekolonialisierung bedürfen deshalb einer grundsätzlichen Auseinandersetzung mit dem kolonialen Blick, der Konstruktion des Anderen und damit auch der Konstruktion des Selbst als zwei Seiten einer Medaille.

Die koloniale Überlegenheit feierte sich in Texten und Bildern, in Gebäuden und Institutionen. Kauf- und Seeleute, dilettierende Reisende und wissenschaftliche ‚Entdecker‘ leisteten ihren Beitrag dazu. Ihre ‚Ergebnisse‘ wurden publiziert, präsentiert und ausgestellt. Einen herausgehobenen Platz nahm dabei das Völkerkundemuseum ein, das schon im Programm die Betonung der Differenz zwischen den ‚Völkern‘ enthält, und das in vielen Städten auch baulich zu einem Tempel der europäischen Aneignung der Welt unter dem Zeichen europäischer Wissenschaftlichkeit wurde.

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Bild 2: Studierende aus dem Seminar „Die Wahrnehmung des Anderen“ im Museum für Völkerkunde Hamburg

Im Völkerkundemuseum traf sich die als wissenschaftlich wahrgenommene akademische Auseinandersetzung mit dem Fremden mit dem breiten bildungsbürgerlichen Interesse daran. Das Völkerkundemuseum lieferte Exotik zum Anfassen und Anschauen, machte Europas – auch intellektuellen – Überlegenheitsanspruch erfahr- und begehbar, ohne jemals den Fuß nach Afrika, Asien oder die Amerikas setzen zu müssen. Was zur Gründungszeit den Reiz und den Ruhm des Völkerkundemuseum ausmachte, erweist sich am Ende der Epoche des formalen Kolonialismus als schwere Hypothek. Die Wissenschaft hat das Ihrige zur historischen Bedeutung des Museum gesagt, dort ist einiges nachzulesen über dessen Rolle im Kolonialismus als Diskurs und als Praxis (vgl. J. Zimmerer, Kein Platz an der Sonne. Erinnerungsorte der deutsche Kolonialgeschichte, Campus 2013).

Wie aber das heutige Museum einbauen in die  postkoloniale Erinnerungslandschaft, die sich in einer Stadt wie Hamburg ja nicht auf das eine Museum beschränkt? Wie umgehen mit einem institutionellen Erbe, dessen politische Botschaft nicht länger zeitgemäß ist? Und wie eine Botschaft so revidieren, dass man nicht eine kanonische Sicht durch eine andere ersetzt?

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Bild 3: Das Seminar „Die Wahrnehmung des Anderen: Postkoloniale Zugänge“ von Prof. Dr. Jürgen Zimmerer

Was bisher vor allem ein theoretisches und historisches Problem für mich war, wurde durch die Initiative des Museums für Völkerkunde nun angewandte Praxis. Einen ersten Anfang machen sicherlich die kritische Auseinandersetzung mit der derzeitigen Präsentation des Museums und seiner Objekte und eine kritische und aufklärerische Kommentierung. Da Internet und Smartphone-Apps heute dazu vielfältige Möglichkeiten bieten, sagte ich sofort zu, als der Direktor des Hamburger Museums, Prof. Dr. Wulf Köpke, mir vorschlug, mit Studierenden des Historischen Seminars der Universität Hamburg an der Entwicklung eines neuen, medialen Angebots zum Thema Kolonialismus und Museum mitzuwirken. Auf zunächst zwei Semester angelegt, wurden im laufenden Semester in einem ersten Seminar zum Thema „Die Wahrnehmung des Anderen: Postkoloniale Zugänge“ die theoretischen und wissenschaftsgeschichtlichen Grundlagen gelegt, um im Wintersemester dann an ausgewählten Themen die Texte hierfür zu kreieren. Dabei können die laufenden und geplanten Seminare, zu denen im Sommersemester auch ein allgemeiner orientiertes Seminar von Dr. Thorsten Logge zum Thema „Material Cultures und narrativer Konstruktivismus“ gehört, nur den Anfang bilden, ein Pilotprojekt sozusagen, wie man mit Studierenden die koloniale Vergangenheit aufarbeiten, sie kommentieren und kommunizieren kann. Angedacht ist es etwa, den Kreis der sich der Bearbeitung widmenden Menschen zu erweitern, um solche, die selbst vielleicht biographische Erfahrungen mit Kolonialismus oder in ehemaligen Kolonien haben, und heute in Hamburg leben oder aber in eben den ehemaligen Kolonien. Eine Form wäre ein Sommerkurs für Studierenden aus Afrika, Asien oder Ozeanien.

Zunächst aber wollen wir das Verfahren erproben, dem Museum Feedback und hoffentlich auch Anregungen geben, wie manche Fallstricke einer zu sehr auf Differenz ausgerichteten Darstellung vermieden werden kann. Aus meiner Sicht ist das Seminar schon jetzt als Erfolg zu verbuchen, denn nicht nur wurde über die (post-)koloniale Dimension des Museums reflektiert, sondern auch Rückbezüge zwischen kolonialem Diskurs und heutiger Präsentation weiter Teile der Welt vorgenommen. Interessant war es jedoch auch zu beobachten, was die Museumspraktiker zur teilweise sehr grundsätzlichen Kritik am Museum als Institution zu sagen hatten. Diese Erfahrung, Wissenschaft und Praxis zusammenzuhören, gehört ebenso zu den Ergebnissen dieser ersten Projektphase wie die Einsicht, dass (post-)koloniale Aufarbeitung immer work im progress ist und bleiben muss. Nun gilt es die gemachten Erfahrungen so zu übersetzen, dass sie auch für den am Projekt unbeteiligten Museumsbesucher von Interesse und Nutzen sein kann. Wenn das gelingt, kann das Projekt „Kolonialismus und Museum“ durchaus auch Pilotcharakter für ganz Hamburg und darüber hinaus haben.

 

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