Zur Eröffnung „Tscherkessen – Vom Kaukasus in alle Welt verweht“ ein paar Worte

Ein Blogbeitrag von Gülay Gün, leitendes Mitglied des Ausstellungsprojektes „Tscherkessen – Vom Kaukasus in alle Welt verweht“

Ich hatte mein Schild dran. Natürlich. Wenn nicht heute, wann dann. Ich musste mir extra ein neues besorgen, da ich mein altes irgendwie verlegt hatte. Ich schob es immer wieder auf, denn eigentlich sollte ich es doch irgendwo haben. Ich hoffte es noch zu finden, aber es war hoffnungslos. Also musste ein neues her. Und außerdem trug ich es sehr gerne. „Museum für Völkerkunde Hamburg; Gülay Gün“ stand darauf. Ich glaube, hätte dort „Lisa Marie Müller“ drauf gestanden, hätte ich einen wesentlich stressfreieren Tag gehabt. Den ganzen Tag über versuchte ich nicht nur irgendwie auf den Beinen zu bleiben und nicht umzukippen, sondern auch zu übersetzen, irgendetwas zu besorgen oder auch nicht zu besorgen, aufzuschließen, abzuschließen, Gäste zu bespaßen und Fragen zu beantworten.

Irgendwann kam eine junge Dame auf mich zu und fragte nach einem Bild. Irgendeines der Fotos aus unserer Ausstellung. Wir hatten so viele. Mit ihren großen Augen hinter der Brille schaute sie mich ganz neugierig an, dann auf mein Schild und sagte: „Darf ich dich mal was fragen?“ Ich dachte nur, oh mein Gott, hoffentlich weiß ich noch irgendwas über das, was jetzt kommt. –„Ja! Klar! Ich hoffe, ich kann helfen“, antwortete ich. Eigentlich wäre ich lieber einfach verschwunden. „Ich möchte etwas zu einem Foto wissen, das ist hier“, sagte sie und ging zu der Koje „in alle Welt verweht“ rüber, also dahin, wo Informationen und Bilder zu der tscherkessischen Diaspora und den Tscherkessen überall in der Welt hängen. Wir blieben vor “Türkei” stehen. Viele der Bilder kannte ich gut. Einige waren aus unserem Familienalbum. Schöne Fotos. Voller Emotionen und Geschichten. Zeugen von Hoffnungen und Freude. Lachende Gesichter, kleine Kinder und hübsche Kleidung sind dort zu sehen, manchmal Männer auf Pferden. Mich überkommt immer ein Hauch von Wehmut, wenn ich in diese Koje gehe und mir dort die Bilder anschaue. Alle Geschichten sind geprägt von Migration. Immer von der Wanderung von einem an den anderen Ort. Immer handeln sie von zerrissenen Familien und zerplatzten Träumen. Während diese Gedanken so in mir herumschwirrten, riss mich die Stimme der jungen Frau wieder aus meinen Tagträumen.

Familie Tambiy im Dorf Hilmiye (Beşkızakhable), Uzunyayla, Türkei; 1953; Privatbesitz Tambiy Nuriye (junge Frau, erste von rechts) Tambiy Halis (dritter von links)
Familie Tambiy im Dorf Hilmiye (Beşkızakhable), Uzunyayla, Türkei; 1953; Privatbesitz
Tambiy Nuriye (junge Frau, erste von rechts)
Tambiy Halis (dritter von links)

„Hier, das meine ich!“ Und zeigte auf ein Foto meiner Großmutter. Es wurde in ihrem Dorf aufgenommen, in den 50ern. Ihre halbe Familie war darauf zu sehen. Sie, ihre Schwestern und ein paar Cousins. Cousins stehen sich bei Tscherkessen immer sehr nahe. Sie sind wie Geschwister. Ich war ein bisschen verwundert, was sie an diesem Bild wohl interessierte? „Ja, was ist damit?“ sagte ich. „Wem gehört es?“ Ok, das war doch schräg. Wieso interessiert sie, wem das Bild gehört? Ich hatte es auch noch extra aus der Bildunterschrift rausgelassen. Ich hielt es einfach für unnötig. Außerdem hingen dort genug Bilder mit der Bildunterschrift meine Großmutter. Häh?!?!? „Meiner Oma! Tambiy Nuriye Yildiz, wieso?“ fragte ich. Sie zeigte auf den Mann mit der Mütze neben der Schwester meiner Oma. „Das ist mein Opa!“ sagte sie. Ich dachte, mich trifft ein Blitz. Donnerwetter. Das bedeutete, wir waren verwandt! Eine Cousine! Eine Schwester? Ich war total überwältigt. War doch gut, nicht einfach wegzugehen! Ich musste mich erst mal sammeln. Ich fragte sie, wer das überhaupt sei auf dem Bild, welcher der Onkel und welchen Verwandtschaftsgrad ihr Opa und meine Oma hätten und wer sie überhaupt ist und wie sie heißt. Und warum kannten wir uns nicht? Sie kam doch aus Hamburg und wir hatten sogar den gleichen Freundeskreis, wie wir feststellten. Das fand ich dann wiederum ärgerlich. Ich pflegte guten Kontakt, auch zu entfernten Cousins und Cousinen in der Türkei und nun fand ich jemanden hier in Hamburg und lernte sie erst jetzt kennen.

Umso glücklicher war ich, denn ohne die Ausstellung wären wir uns vielleicht nie oder erst sehr viel später begegnet. Wir hätten nie gemeinsame Verwandte auf einem Foto wiedererkannt. Wir wären aneinander vorbei gegangen, wir hätten uns einander vielleicht vorgestellt, miteinander geredet und nie erfahren, dass wir einer Familie angehören. Es ist ja nicht erkenntlich. Sie trägt einen ganz anderen Nachnamen als ich. Ihr Großvater trägt einen anderen Nachnamen als meine Großmutter. Erst als wir den tscherkessischen Familiennamen erwähnten, wussten wir, wir sprechen von der gleichen Familie. Der ist aber nirgendwo aufgeschrieben. Und ich ließ ihn bei diesem Foto weg.

One thought on “Zur Eröffnung „Tscherkessen – Vom Kaukasus in alle Welt verweht“ ein paar Worte

  1. Als ich das Bild gesehen habe, traf mich der Schlag. Was sucht das Bild von Opa da. Zumal ich dieses Foto erstmals dieses Jahr in der Türkei gesehen habe und sehr überwältigt war. Und jetzt hängt das Bild in der Ausstellung.

    Natürlich musste ich gleich herausfinden, von wem das Bild kam. Ich frag einfach die Tscherkessin, die das alles auf die Beine gestellt hat. Ich merkte zwar, dass sie im Stress ist, aber für den Moment stand das für mich nicht im Vordergrund. Und siehe da, genau von ihr kam das Bild und wir sind verwandt miteinander.

    Ihre Mama, also meine Tante, habe ich dann auch kennengelernt. Ihre Schwester kannte ich bereits, aber genau so wie sie es im Beitrag beschrieben wird, als „eine vom tscherkessischen Verein“.

    Ich bin immer noch glücklich verwundert über dieses Ereignis.

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