Herr Prof. Dr. Köpke im Interview mit der tscherkessischen Internetzeitung „Guşıps“

Herr Prof. Dr. Köpke im Interview mit der tscherkessischen Internetzeitung „Guşıps“ (www.gusips.net)

Am 24. November 2013 wird im Völkerkundemuseum Hamburg die Ausstellung „Tscherkessen – Vom Kaukasus in alle Welt verweht“ eröffnet. Für Tscherkessen bedeutet diese Ausstellung viel, da es international bislang kein vergleichbares Projekt gab. Es ist das erste Mal, dass ein großes Museum eine Sonderausstellung zu Tscherkessen macht und das erste Mal seit 150 Jahren, dass Tscherkessen wieder an die Öffentlichkeit treten. Anlass ist die Winterolympiade in Sotschi 2014. Der Ort beinhaltet Erinnerungen der Tscherkessen an ihre tragische Vertreibung aus dem Kaukasus als Ergebnis ihrer Niederlage nach jahrzehntelangem Widerstand gegen die russische Übermacht. Diese Vertreibung schwächte die tscherkessische Kultur so sehr, dass nur wenige historische Objekte bis in die Gegenwart überlebt haben. Das Museum für Völkerkunde hat es nun geschafft einige Objekte in Kooperation mit Tscherkessen und Tscherkessinnen aus aller Welt nach Hamburg zu holen. Wie es dazu kam, verrät der Direktor des Museums Prof. Dr. Wulf Köpke in einem Interview für die tscherkessische Internetzeitung „Guşıps“, dass wir Ihnen auf Deutsch zur Verfügung stellen können.

Prof. Dr. Wulf Köpke Direktor des Museums für Völkerkunde Hamburg
Prof. Dr. Wulf Köpke
Direktor des Museums für Völkerkunde Hamburg

Gülay Gün
Projektmitarbeiterin „Tscherkessen“.

Wann und wie sind Tscherkessen in den Fokus Ihres Interesses getreten?

Ich habe bereits früh viel über Tscherkessen gelesen und auch einige Tscherkessen kennengelernt. Gezielt mit Ihrer Kultur beschäftigt habe ich mich aber erst ab 1993, als ich im Zuge der Unabhängigkeitsbewegung Abchasiens zahlreiche Kaukasier kennenlernte.

Wie bewerten sie die zunehmende Sichtbarkeit der Tscherkessen in Bezug auf die Einforderung ihrer kulturellen Rechte und die Sotschi Olympiade der letzten Jahre.

Ich fürchte, wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass man wohl außerhalb der tscherkessischen Kreise zumindest in Europa, außerhalb der Türkei, so gut wie nichts von diesen Protesten mitbekommt.

Gibt es im intellektuell-akademischen Spektrum in Europa Projekte zu Tscherkessen? Sind Tscherkessen in diesen Kreisen ausreichend bekannt?

Da gilt das zuvor bereits Gesagte: Man kennt die Tscherkessen kaum, auch nicht in gebildeten Kreisen. Die Region Kaukasus an sich ist natürlich von wachsendem geostrategischen Interesse. Doch das macht sich sicherlich an anderen Mächten fest: Russen, Aserbaidschaner, Georgier, Armenier. Die Tscherkessen sind ein zu kleines und ein zu zerstreutes Volk um wirklich als einflussreich wahrgenommen zu werden. Das gilt in der Politik und daher auch für die akademischen Kreise. Hinzu kommt noch, dass die traditionelle Kultur der Tscherkessen ihre Mitglieder meinem Eindruck nach zur Bescheidenheit erzieht. Es liegt den Tscherkessen meiner Beobachtung nach nicht, anzugeben. Ich empfinde das als sehr sympathisch, es führt aber auch dazu, wenig beachtet zu werden. Als Trost kann man vielleicht anführen, dass die Tschetschenen heute als „troublemaker“ sehr im Focus stehen und weltweit bekannt sind, aber leider auch einen katastrophalen Ruf haben, der ihnen eher schadet. Ich könnte mir vorstellen, dass der stille Weg der Tscherkessen auf die Dauer zielführender ist, wenn er auch langwierig ist.

Glauben Sie, dass der ‚Tscherkessen-Tag‘ im Europa-Parlament in dieser Hinsicht nützlich sind?

Ich halte Veranstaltungen wie den Tscherkessen-Tag im Europäischen Parlament für eine hervorragende Idee und man muss dankbar sein, dass es eine derartige Veranstaltung gibt. Allerdings bin ich der Meinung, dass man, nachdem dieser Tag mittlerweile fest etabliert ist, versuchen muss, aus solchen Anlässen noch mehr herauszuholen und auch andernorts derartige Tage zu veranstalten.

Was können in diesem Sinne Tscherkessen tun, um sich selbst aber auch ihre Probleme besser in der Öffentlichkeit vertreten zu können?

In Deutschland sind sie dadurch, dass Cem Özdemir Tscherkesse ist und dazu auch in der Öffentlichkeit steht, auf einem guten Wege, positiver wahrgenommen zu werden.
Ein Hindernis scheint mir dagegen zu sein, dass die Tscherkessen, jedenfalls so wie ich sie wahrnehme, sehr zersplittert auftreten. Sie müssten nach außen hin mit einer Stimme sprechen, ihre kulturellen Aktivitäten viel mehr nach außen richten, an Museen, Universitäten, Volkshochschulen herantreten, sich an interkulturellen Aktivitäten noch stärker beteiligen. Einzelne habe in dieser Richtung in den vergangenen Jahrzehnten bereits sehr viel geleistet, aber ich habe das Gefühl, dass bei den Tscherkessen insgesamt noch sehr viel mehr Potenzial wäre. Die tscherkessische Kultur gehört zu den ältesten noch lebenden Kulturen Europa – das muss man den andern Europäern viel stärker bewusst machen. Ich denke, dass eigentlich ein großes Interesse da wäre. Und warum gibt es kein Restaurant mit der großartigen tscherkessischen Küche (jedenfalls ist mir keines bekannt)? Das würde die Tscherkessen im Nu bekannter machen.

Ende November eröffnet ihre Ausstellung im Hamburger Völkerkundemuseum. Wie laufen die Vorbereitungen?

Die Vorbereitungen laufen schleppend, aber das ist bei der Vielzahl der Beteiligten nicht anders zu erwarten. Leider war es auch nicht möglich, einen Sponsor zu finden, mehr Geld zu haben würde vieles erleichtern. Auf der anderen Seite ist es wundervoll, von vielen Seiten aus den Tscherkessischen communities weltweit mit Ausstellungsmaterial unterstützt zu werden. Und dank der Vermittlung des tscherkessischen Vereins in Hannover bin ich jetzt nach Naltschik eingeladen und kann dort noch viel Material und vor allem aktuelle Fotos vom Leben der Tscherkessen heute in ihren Heimatgebieten bekommen. Einer der beiden Berliner Vereine steht bereit, um für uns die Inneneinrichtung eines traditionellen tscherkessischen Gästezimmers zu rekonstruieren.

Wie entwickelte sich das Ausstellungsprojekt? Wann, wie und warum entschieden sie sich für solche eine Ausstellung?

Wir sind 2010 auf das Projekt gekommen im Zuge der Diskussionen um die Olympiade in Sotchi. Ausgangspunkt waren die Aktivitäten der No Sotchi-Bewegung. Wir haben dann mit Vertreterinnen und Vertreter zahlreicher tscherkessischer Vereine aus Deutschland, den Niederlanden und Belgien diskutiert, wie denn eine passende kulturelle Aktivität zu Sotchi aussehen müsste. Übereinstimmend kamen die Beteiligten in mehreren Sitzungen zu dem Schluss, dass das vordringlichste Ziel der Arbeit im und mit dem Museum sein muss, die Kultur der Tscherkessen einer breiten Öffentlichkeit überhaupt erst einmal bekannter zu machen. Der Protest steht also in der Ausstellung nicht im Vordergrund. Wenn es aber Proteste gibt, werden aber dank der Ausstellung viel mehr Menschen wissen, wer und warum gegen Sotchi protestiert.

Uns, den deutschen Planern der Ausstellung ist in der Zusammenarbeit mit tscherkessischen Vertreterinnen und Vertretern im Verlauf der letzten Jahre klar geworden, was für eine Leistung es ist, dass die tscherkessische Kultur auch in der Diaspora immer noch fortbesteht, dass immer noch auch von jungen Tscherkessen in Deutschland tscherkessisch gesprochen wird, auch wenn das extrem mühsam zu verwirklichen ist. Wir möchten diese Hochachtung auch auf unsere Besucher übertragen und möchten, dass die Tscherkessen auf diese Leistung, bei aller Bescheidenheit, auch stolz sind.

Welche Themen werden in der Ausstellung abgedeckt? Können Sie mehr zum Ausstellungskonzept sagen?

Das Konzept der Ausstellung umfasst in breiter Form die tscherkessische Kultur. Die tscherkessischen Sitten, die tscherkessische Identität, tscherkessische Geschichte und die Beziehungen zwischen Tscherkessen und dem Westen sind nur einige unserer Themen.

Welche Materialien/Objekte erwarten die Besucher_innen?

Historische und aktuelle Fotos aus Privatbesitz, alte Graphiken über die traditionelle tscherkessische Kultur, Fotos, Dokumente und Objekte zum Leben der Tscherkessen in den Mutterländern und in der Diaspora. Dazu eine überraschende Vielfalt von historischen Objekten aus deutschen Museen und Privatsammlungen. Vieles davon war noch nie in der Öffentlichkeit zu sehen.

Welchen Beitrag können Tscherkessen leisten, wenn sie die Ausstellung gerne unterstützen möchten und wohin müssen sie sich dann wenden?

Die Bibliothek des Völkerkundemuseum Hamburg besitzt inzwischen zwecks der Ausstellung einen eigenen Handapparat zum Thema Tscherkessen. Dieser Handapparat ist international über die allgemeinen Bibliothekskataloge erreichbar. Außerdem wurden weitere Materialien ins Archiv des Museums aufgenommen. Wenn noch weitere Objekte, wie Fotos, Bücher, Kostüme, Musikinstrumente oder Vereinsmaterialien zuschicken möchte, kann sich gerne mit uns über circassian@mvhamburg.de in Verbindung setzen. Unsere Eröffnung, zu der wir Gäste aus dem Kaukasus, der Türkei und anderen Ländern erwarten, ist am 24. November 2013 um 11 Uhr zu der wir auch hiermit alle Leser und Leserinnen herzlich einladen. Für weitere Informationen besuchen Sie bitte unsere Internetseite www.voelkerkundemuseum.com

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