Kunstsammeln – Lust oder Frust?

Hamburg, Bibliotheksgespräch vom 18.07.2013

Ein Blogbeitrag von Ludwig Habighorst

In einem Hotel in Bombay habe ich mich im November 1976 infiziert und leide seitdem an dieser „Krankheit“. Animiert nach einem Besuch im Prince-of-Wales-Museum geriet ich abends in einen Hotelshop und stöberte planlos herum. Ein auffällig kleiner Herr sprach mich dort an und schlug mir vor, mit ihm sein Hauptgeschäft zu besuchen. An diesem Abend kaufte ich dort die erste Miniatur, der Grundstein meiner Sammlung. Wie sich später herausstellte war der geschickte Verkäufer und Verführer ein weltweit agierender indischer Kunsthändler, der nur zufällig in seine kleine Hoteldependance gekommen war. Sein Prinzip entsprach nicht dem Klischee vom indischen Händler: nur einwandfreie Kunstwerke, kein billiger Ramsch, den Käufer nicht über den Tisch ziehen, sondern bei echtem Interesse jahrelange Kundenbindung aufbauen. Bis heute bestehen freundschaftliche Kontakte zwischen uns.

Zu Hause habe ich mich dann belesen und dabei gelernt, dass es außerhalb von Indien in London und New York einen Handel mit den kleinen Kunstwerken gab. Das Interesse an diesem zufällig gefundenen ausgefallenen Sammelgebiet wurde geweckt und zunehmend gepflegt. Die siebziger und achtziger Jahre waren die goldene Zeit für Sammler indischer Miniaturen. Die Märkte waren voll, da reichlich Bilder aus fürstlichen Sammlungen angeboten wurden, und das zu erschwinglichen Preisen. Die großen privaten Sammlungen sind in dieser Zeit entstanden. Einmal infiziert schwelte das Sammel-Leiden unheilbar dahin, zuweilen mit akuten Schüben; ein Auf und Ab von Erfolgserlebnissen, Besitzerstolz und manchmal auch von Frustation.

Ludwig Habighorst
Ludwig Habighorst

Sammelleidenschaft vermag das Leben zu verändern. Betrachten, Studieren, Deuten, Begeisterung und auch Misserfolge brauchen ihre Zeit. Viele Stunden sind beim Stöbern in Büchern oder Katalogen, beim systematischen Studium, in Ausstellungen, bei Kunsthändlern und Auktionen verbracht worden. Das alles neben meinem ausfüllenden Hauptjob als Krankenhaus-Radiologe.

Ganz wichtig ist der Austausch mit Gleichgesinnten, und die Kritik eines Gurus. Den Grandseigneur der indischen Kunsthändler fragte ich nach dem Kauf von zwei Bildern Beifall heischend, wie ihm meine Auswahl gefalle. Sein Tadel kam prompt. Ein Bild müsse mir gefallen und mich persönlich anrühren. Es sei töricht, ein Bild nur deshalb zu kaufen, weil es von einem bestimmten Künstler gemalt sei oder aus einer bekannten Sammlung komme. Es müsse nur mir, sonst keinem gefallen. Kaufe nach deinem Auge und nach deinem Geschmack! Ein verstorbener Sammlerfreund drückte das so aus: „Das Bild muss mit mir sprechen“, dann war das Bild für ihn richtig. Sammeln kann so zu einem sehr individuellen kreativen Prozess werden. Der berühmte englische Maler und hochrangige Miniaturensammler Howard Hodgkin rät: „Nicht einfach akkumulieren, sondern dauerndes kritisches Nachfragen, Entdecken und Genießen“. Danielle Porret, eine Sammlerin aus Genf, sieht in ihrer Sammlung ein persönliches Abenteuer, ihren „geheimen Garten“ nennt sie es, ein Ort zum Verweilen und Entdecken.
Und zum Entdecken gibt es sehr viel, nicht nur Schönheit und Exotik. Indische Miniaturen haben sehr viele Facetten: Religion, Geschichte, höfische Tradition, Literatur und Poesie, viele kulturgeschichtliche Details, wie wir am Thema Blumen und Gärten zeigen können. Die schweizerische Bildhauerin Alice Boner, selbst Sammlerin indischer Miniaturen schreibt: “Eine indische Miniatur in vollkommener Gestaltung enthält eine Quintessenz einer ganzen Welt auf einer Fläche nicht größer als die menschliche Hand. Und wenn nicht einer ganzen Welt, so doch eines bestimmten Aspektes mit seiner geheimnisvoll verborgenen Bedeutung. Eine kleine Miniatur offenbart dem Betrachter mehr und mehr Wahrheit und Schönheit. Sie ist ein unerschöpflicher Born von Enthüllungen… Das ist es, was die Miniatur wertvoll macht, wertvoller als hervorragende Technik, Farben und Gold.“

Wie von selbst kommt dann ein sekundäres, äußerst reizvolles Sammelgebiet hinzu: Bücher und Kataloge zu diesem Thema.
Wie ein Liebhaber behütet der Sammler eifersüchtig seinen Besitz. Sammeln ist ein sinnliches Vergnügen, besonders bei Objekten, die man besitzt und die man anfassen kann, wann und wie man will. Indische Miniaturen sind dabei sehr handlich, genau wie Schmuck und Waffen. Man betrachtet und genießt sie aus der Hand, man liest sie sozusagen und man kann immer wieder neue Details entdecken.

Indische Gärten
Detail aus „Der blühende Göttergarten“ – Blatt aus einer Bildserie zur Dichtung Gita Govinda, Fürstentum Kangra (Pahari Region), um 1820

Jedes Stück hat seine eigene Geschichte, nicht nur der Bildinhalt, die Herkunft, der Künstler, sondern auch die Umstände des Erwerbs; meistens banales Feilschen, manchmal aber auch kleine Abenteuer: Vom Pokern im Auktionssaal bis zum konspirativen Treffen auf dem Hauptbahnhof in Brüssel…. Das macht die einzelnen Stücke zum Unikat.

Warum häufen Menschen so viele Dinge an, die sie nicht benötigen ? Sammler wollen vor allem eines: besitzen. Das wichtigste Stück ist das, was noch fehlt. Und abgeschlossen wird eine Sammlung nie.
Dabei unterscheidet sich der extrovertierte Sammler, der seine Schätze anderen präsentiert, vom heimlichen Sammler, der im stillen Kämmerlein seine Bilder und Objekte genießt und streng geheim und abgeschirmt aufbewahrt. Ältere psychologische Schulen sehen in der Sammlertätigkeit zwangsneurotisches Verhalten. Sammeln sei ein Ausweichverhalten in überschaubare Betätigungsfelder oder Rückzugsmanöver bei Angst vor sozialen Kontakten; eine Kompensation unerfüllter sozialer oder sexueller Wünsche, so Freud. Heute wird Sammeln von Psychologen im Allgemeinen positiver bewertet: die kreative Potenz der Gestaltung einer persönlichen Sammlung, Entspannung, Kontakte, Freizeitbeschäftigung, Weiterbildung, Anerkennung als Leihgeber oder als Experte.
Es gibt allerdings auch krankhafte Steigerungen der Sammeltätigkeit, die Sammelwut, die zur Vernachlässigung aller allgemeinen Pflichten führen kann. Von einem amerikanischen Arzt wird erzählt, dass er sogar komplizierte Operationen unterbrochen habe, wenn ein Miniaturenhändler anrief.

Was führt zum Frust des Sammlers ? Die verpasste Gelegenheit, sei es aus Unkenntnis

Die Geliebte erwartet ihren Verehrer Illustration zur Dichtung Rasikapriya, Fürstentum Mewar (Rajasthan), um 1650
Die Geliebte erwartet ihren Verehrer
Illustration zur Dichtung Rasikapriya, Fürstentum Mewar (Rajasthan), um 1650

oder wirtschaftlichen Gründen oder banaler Schlamperei. Jeder Sammler kennt das „Hättest du doch…“

Frustrierend ist, wenn einem das ersehnte Stück von Sammlerfreund oder -feind vor der Nase weg geschnappt wird.

Frustrierend können auch die überheblichen Meinungsäußerungen von sogenannten Experten sein. Manche Wissenschaftler neigen dazu, sich Laien gegenüber (so sehen sie Sammler) aufzublähen, um ihre Wichtigkeit unter Beweis zu stellen. Manchmal wird die Schönheit der Kunstwerke als Ganzes aus dem Auge verloren und nur noch die Verwertbarkeit unter allerlei kunstwissenschaftlichen Aspekten gesehen. Es wird dabei vergessen, dass die Künstler ihre Artefakte primär nicht für Kunsthistoriker und nicht zur Forschung geschaffen haben, sondern zur Freude und Inspiration der Betrachter.

Frust machen unsinnige Preissteigerungen, teils manipulativ vom Kunsthandel, teils durch erhöhte Nachfrage finanziell hochpotenter Bieter, die Kunstwerke zur Selbstdarstellung oder auch als Geldanlage kaufen. Der Aufbau neuer Staatsmuseen in den Golfstaaten hat in den letzten 15 – 20 Jahren zu extremen Preissteigerungen z.B bei islamischer Kunst geführt. Auch superreiche Inder kaufen ihre Kunst zurück – zu jedem Preis. Der „normale“ Sammler kann da nicht mehr mithalten.
Dabei ist die Preisgestaltung von Kunstwerken, der sogenannte Kunstmarkt, ohnehin von vielen, teils irrationalen Aspekten bestimmt. Es ist der Marktwert des Künstlers, die Provenienz, nicht zuletzt Modeerscheinungen und Trend, die den Preis machen. Wäre der „Mann mit dem Goldhelm“ auf dem freien Kunstmarkt, dann hätte er zu dem Zeitpunkt, als man das Bild nicht mehr Rembrandt zuschrieb, einen katastrophalen Preissturz erlebt, ohne dass sich am Bild oder seiner Malqualität auch nur das Geringste geändert hätte. Für den echten Sammler ist es ohnehin nicht unbedingt das teuerste Bild, das er am meisten schätzt.
Das hohe Preisniveau hat in den letzten Jahren die Zahl der Fälschungen auf dem Kunstmarkt drastisch erhöht. Das gilt auch für indische Miniaturen, die heute perfekt kopiert und dann auf alt getrimmt werden können, sodass auch in diesem Kunstsegment Experten den Fälschern auf dem Leim gehen können. Das ist für den Sammler der Supergau des Frustes, wenn er nach dem Kauf feststellen muss, dass er betrogen wurde.

Lust oder Frust – die Lust überwiegt eindeutig. Der Sammler freut sich an seinen Schätzen und er freut sich auch, wenn diese ansprechend und würdig
präsentiert werden und er die eigene Freude mit vielen Besuchern teilen kann.

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