Klassische Indische Musik: Ragas aus Südindien

Konzert am 18.8. im Museum für Völkerkunde Hamburg

Blogbeitrag von Dr. Norbert Beyer, Musikethnologe des Museums für Völkerkunde Hamburg

Was in Hamburg fehlt…

Hallo, hier schreibt ein glühender Freund Südindiens, seiner Menschen und seiner Kultur. „Glühend“ ist übrigens ein passender Ausdruck, denn ein Wetter, wie wir es hier nun schon seit Wochen haben, wird dort als „angenehm kühl“ empfunden. Ich selbst habe vor 20 Jahren in Südindien Musikinstrumentenbau studiert und das Land lieben gelernt.

Nachdem das mit dem guten Wetter zumindest vorläufig geregelt zu sein scheint, gibt es aber immer noch Dinge, die man in der Tor-zur-Welt-läufigen Hafenstadt Hamburg schmerzlich vermissen muss und das sind: Vernünftiges südindisches Essen und Klassische Südindische Musik.

Jedenfalls habe ich noch kein vollvegetarisches indisches Restaurant, das die köstlichen Gerichte des Südens anbietet und wo eben nicht hinten in der Küche die toten Tiere im selben Fett verarbeitet werden, in Hamburg gefunden.

O.k., für die geistige Ernährung wenigstens gibt es jetzt kurzzeitig Abhilfe: Am 18. August 2013 tritt die in Amerika lebende indische Sängerin Kiranavali Vidyashankar mit Ragas aus Südindien im Museum für Völkerkunde auf.

K_Vidyashankar   Kiranavali Vidyashankar

Musik aus Nordindien ist in der westlichen Welt deutlich bekannter. Sie hat einen hohen Anteil an Improvisation und bietet viel Freiheit für Musiker, welche sie sich freilich in jahrelanger, rigoroser Ausbildung erarbeiten mussten. Die Aufführung eines einzigen Raga kann sich traditioneller Weise schon mal über Stunden hinziehen.

Südindische (oder auch: Karnatische) Musik klingt in unseren Ohren ebenfalls improvisiert, doch handelt es sich stets um Kompositionen mit namentlich bekannten Urhebern. Man sagt auch, dass der muslimische Einfluss geringer ist, da die Mogul-Herrscher Südindien nie komplett erobert haben.

Die drei berühmtesten Dichter-Komponisten waren Tyagaraja (1767-1847), Muttusvami Dikshitar (1776-1835) und Syama Sastry (1762-1827). Ihre Werke wurden zunächst mündlich überliefert, später schriftlich festgehalten und man führt sie auch heute noch gerne auf. Es gibt kein Konzert, in dem nicht Stücke von mindestens zweien dieser Trinität gespielt werden.

Indische_Dichter-Komponisten
Dikshitar, Tyagaraja, Sastry (v.l.n.r)

In der Karnatischen Musik ist unter anderem die korrekte, aber eigenständige Darstellung einer Komposition ein Kriterium für die Qualität der beteiligten Musiker. Dies passt zur südindischen Kultur, die man insgesamt als nüchtern bezeichnen kann: Musikinstrumente werden hier mit Zirkel und Lineal konstruiert, der Bildungsstand ist hoch und vor 30 Jahren gab es im Bundesstaat Tamil Nadu noch eine strikte Alkoholprohibition! Rausch und Ekstase finden auf religiösen und intellektuellen Gebieten statt und auch da stets geordnet…

So haben die Texte, die den Kompositionen zugrunde liegen, durchweg religiöse Inhalte. Und man liebt die Musik. Im Dezember findet in Chennai (alter Name: Madras) das weltgrößte Musikfestival statt und nirgendwo gibt es, gerechnet auf die Einwohnerzahl, mehr Musikvereinigungen, Veranstalter, Hallen. Einen Monat lang ist die gesamte Stadt Musik und man bezeichnet diese Zeit schlicht als „the season“.

Die Verpflegung mit Essen und Getränken bei diesen Konzertreihen wird im übrigen – und hier schließt sich der Kreis – streng vegetarisch und brahmanisch rein zubereitet und serviert, damit auch eventuell noch vorhandene Klassendünkel und auch westlich-untrainierte Mägen nichts zu meckern haben können.

Unsere Musikerin Kiranvali Vidyashankar stammt aus einer angesehenen Musikerfamilie aus der Stadt Mysore. Ihr Großvater war ein berühmter Spieler des Gottuvadyam, einem bundlos, mit einem glatten Gegenstand gleitend gespielten Lauteninstrument. Diese Art der Tonproduktion ist bei uns z.B. von der Hawaii-Gitarre bekannt. Ihr Vater N. Narasimhan, verzichtete auf eine eigene Karriere als Musiker zugunsten der Musikpädagogik. Er entwickelte ein eigenes System der frühkindlichen Musikerziehung ohne Zwang, deren Erfolge sich hören lassen können: Seine Tochter und die beiden Söhne sowie ein anvertrauter Neffe wurden allesamt zu Wunderkindern und haben ihre Konzerttätigkeit bis heute beibehalten!

Welche Stücke Kiranavali Vidyashankar am Sonntag, den 18. August ab 19 Uhr in ihrem Konzert singen wird, entscheidet sie erst kurz vorher. Sie wird es uns mitteilen und auch einiges über Inhalt und Hintergrund der Werke sagen, so dass auch für ungeübte Ohren ein Genuss zu erwarten ist. Wir sehen uns am Sonntag im großen Hörsaal des Völkerkundemuseums!

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