Aus dem Besitz des Moghulkaisers

Ludwig Habighorst erklärt ein Werk seiner Sammlung indischer Miniaturmalerei.

Bis zum 27. Oktober ist eine Auswahl der Sammlung im Museum für Völkerkunde Hamburg unter dem Titel „Blumen – Bäume – Göttergärten“ ausgestellt.

Warum mag man indische Miniaturmalerei ? Es ist nicht nur die Schönheit und Farbenpracht der kleinen exotischen Kunstwerke. Sie stecken auch voller Details, die es zu entdecken gilt. Die Vielfalt ihrer historischen, höfischen, religiösen und literarischen Themen eröffnen ein reiches Feld zu Studium und Inspiration. Manchmal spürt man sogar den Hauch der Geschichte…

Am 24. November 1589 wurde dem indischen Moghulkaiser Akbar die Übersetzung des Baburnama (Baburs Buch), den Memoiren seines Großvaters Babur (1483-1530) übergeben. Zahiruddin Muhammad Babur, so sein voller Name, war der Begründer der Moghuldynastie. Er eroberte von seiner im heutigen Usbekistan gelegenen Heimat Andijan aus Afghanistan und große Teile von Indien. Babur war stolz darauf, ein Nachfahre des berühmt-berüchtigten Timur zu sein; von mütterlicher Seite stammte er von Dschingis Khan ab.

Sein Enkel Akbar hatte die Übersetzung dieser Memoiren zur Chefsache gemacht und seinen engsten Vertrauten Abdul Rahim Khan-I-Khanan damit beauftragt, das in Tschagatai-Turki verfasste Tagebuch ins Persische, die Hofsprache der Moghuln, zu übersetzen. Der Text wurde dann von den besten Malern des kaiserlichen Ateliers illustriert und in einer ersten Version im Mai 1590 fertig gestellt. Dieses Manuskript hatte 191 Abbildungen. Später folgten noch vier weitere illustrierte Ausgaben des Baburnama, von den sich heute eine in der British Library London, eine aufgeteilt in Moskau und Baltimore. Eine andere im indischen Nationalmuseum in Neu Delhi und eine weitere in Istanbul befinden.

Unser Bild kommt aus der ersten Version des Baburnama, die 1913 in London aufgeteilt wurde. Dabei gelangten 21 Bilder in das Londoner Victoria & Albert Museum. Ein Teil der Bilder kam damals zum Pariser Kunsthändler Demotte, der sie mit Umrandungen aus alten Manuskripten versah, weil ihm der einfache braune Papierrand für seine Kunden wenig attraktiv erschien. Am unteren Rand ist unser Bild vom Maler Khem Karan signiert. Der Hofchronist und Wezir Abu Fazl zählt ihn zu den 17 großen Künstlern in Akbars Maleratelier. Werke von ihm sind zwischen 1584 und 1604 bekannt.

Auf dem Bild empfängt der junge Babur, der auf einem Thron sitzt, eine Delegation mit sieben Personen. Sie steht in gehörigem Abstand unter einem bunten Sonnensegel und überbringt die Nachricht vom Verlust der Stadt Andijan im Fergana-Tal. Einer der Besucher hält einen großen Falken auf seiner rechten Hand. Aus erhöhtem Blickpunkt, der für die frühe Moghulmalerei charakteristisch ist, kann man in der unteren Bildhäfte das Leben vor dem Eingang und im inneren Vorhof des mit Zinnen befestigten Palastes sehen. Die Gesichter der Personen, ihre Kleidung und auch die Palastarchitektur sind mit äußerster Feinheit gestaltet. Vor Baburs Thron steht eine mit Blumen gefüllte, goldene Vase. Trotz ihrer Kleinheit von nur 0,9 cm Höhe der Vase sind auf dem Bild sogar die Ziermuster zu erkennen. Langstielige weiße Blumensterne mit schmalen grünen Blättern füllen locker die bauchige Vase.

Der junge Babur empfängt eine Delegation. Blatt aus dem ersten Baburnama
Der junge Babur empfängt eine Delegation. Blatt aus dem ersten Baburnama
Blumenvase neben Baburs Thron.
Blumenvase neben Baburs Thron.

Babur, dessen Heimat die Steppen- und Oasenlandschaften Zentralasiens war, hatte eine besondere Vorliebe für die Vielfalt der Natur. In seiner Autobiographie finden sich viele exakte Beschreibungen der Pflanzen- und Tierwelt Indiens. Vielleicht wollte der Maler mit der Vase auf die besondere Blumenliebe des Kaisers hinweisen.

Darstellungen von mit Blumen gefüllten Vasen, die in zeitgenössischen Wandmalereien oder Dekorationen von Textilien oder Architektur oft zu finden sind, kommen auf Miniaturen nur sehr selten vor. Blumenvasen spielten im wirklichen Leben fast keine Rolle. Unser Bild wurde später auf eine um 1620 in Indien gemalte Bordüre eines Shah Nama, dem persischen Königsbuch des Dichters Firdausi, aufgezogen, die mit Bäumen und Wildtieren dekoriert ist.

Später angesetzte Randdekoration (Ausschnitt).
Später angesetzte Randdekoration (Ausschnitt).

Das Blatt wurde 1989 bei einer Auktion bei Christies in London ersteigert. Zwei weitere Blätter der ersten Fassung des Baburnama befinden sich in unserer Sammlung. Eines davon wird ebenfalls in der Ausstellung „Blumen –Bäume – Göttergärten“ gezeigt; dargestellt ist darauf der erkrankte jungen Babur in seinem Palast. In Privatsammlungen sind solche Bilder ausgesprochene Raritäten.

Gruß nach Hamburg,

Ludwig Habighorst

Tipp: Am 18. Juli um 18.30 Uhr dürfen wir den langjährigen Sammler indischer Miniaturmalerei, Professor Ludwig V. Habighorst, in unserem Museum begrüßen. Er spricht über „das Sammeln“ und wir werden gemeinsam in seine Ausstellung gehen, um Geschichten und Hintergründe zu einzelnen Bildern aus erster Hand zu hören. Wir freuen uns auf Professor Ludwig Habighorst und auf ein angeregtes Publikumsgespräch!

Link zur Veranstaltung: http://www.voelkerkundemuseum.com/388-0-Das-Bibliotheksgespraech.html

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