Blumenketten in Indien

Ein Blogbeitrag über die Bedeutung von Blumenketten in Indien, geschrieben von dem Sammler indischer Miniaturmalerei Ludwig V. Habighorst.  Eine Auswahl seiner Sammlung wird noch bis zum 27. Oktober im Museum für Völkerkunde gezeigt.

Blumen im indischen Alltag

Gleich nach der Ankunft in Delhi begrüßt man Touristen mit frischen Blumenketten. Von da an trifft man ständig auf Blumen, die im indischen Alltag und im religiösen Leben allgegenwärtig sind. Ein paar Beispiele sollen das zeigen:

Meine Freunde bei der Ankunft im Hotel Radisson, New Delhi 2009
Meine Freunde bei der Ankunft im Hotel Radisson, New Delhi 2009

Besonders zu ihren vielfältigen Verehrungsritualen und Gebeten benutzen Hindus und Muslime Blumen. Von Muslimen bevorzugt sind Rosenblätter, die auf die Sarkophage Ihrer Heiligen und Religionslehrer gestreut werden. In der Nähe der Dargahs (Mausoleen) findet man immer Verkaufsstände mit frischen Blüten und abgezupften Rosenblättern.

Grab des Sufiheiligen Saiyad Zainuddin (+ 1370), Khuldabad (Maharashtra), 2008
Grab des Sufiheiligen Saiyad Zainuddin (+ 1370), Khuldabad (Maharashtra), 2008
Blumenverkauf am Mausoleum des Saiyad Zainuddin in Khuldabad , 2008
Blumenverkauf am Mausoleum des Saiyad Zainuddin in Khuldabad , 2008

Hindus opfern Blumenketten, meist aus gelben Tagetes (auf Hindi Gaenda ), weißem Jasmin und Rosen im Tempel oder am häuslichen Altar. In allen Städten und Dörfern findet man kleine Schreine und Baumheiligtümer, die Gläubige mit Blumenketten schmücken oder nur einzelne Blüten niederlegen, dazu kleine Leuchten anzünden. In der Nähe von Tempeln werden ständig frische Blumenketten geknüpft und den Gläubigen zum Verkauf angeboten.

Straßenaltar in Jaipur (Rajasthan), 2012
Straßenaltar in Jaipur (Rajasthan), 2012
Verkauf von Blumenketten vor dem Jagdish Tempel in Udaipur (Rajasthan), 2012
Verkauf von Blumenketten vor dem Jagdish Tempel in Udaipur (Rajasthan), 2012
Straßenheiligtum des Shirdi Sai Baba, Udaipur (Rajasthan) 2012
Straßenheiligtum des Shirdi Sai Baba, Udaipur (Rajasthan) 2012

Nicht nur die zahlreichen Götter und Göttinnen der Hindus werden mit Blumen und Blumenketten geschmückt, sondern auch die Straßen- und Hausaltäre heiliger Männer und Gurus. Beispiel ist der kleine Altar von Shirdi
Sai Baba (1838-1918), der als Avatar Shivas gilt und bis heute hoch verehrt wird. Er soll unter einem Nim-Baum meditiert haben und bemühte sich Hindus und Muslime unter einer großen Gottheit zu einigen. Der offene Altar findet sich in einer ruhigen Ecke einer belebten Hauptstraße der Altstadt von Udaipur.

Fußspur Vishnus (Paduka) im Jagdish Tempel in Udaipur (Rajasthan), 2012
Fußspur Vishnus (Paduka) im Jagdish Tempel in Udaipur (Rajasthan), 2012

Auch die Symbole und die Reittiere der Götter haben ihre Verehrer, die sie täglich mit frischen Blumen schmücken und mit glückbringenden Farben anmalen. Die Fußspur mit Lotosblüte, Swastika und Muschelhorn ist ein Symbol des Gottes Vishnu und seines Königtums. Während des Exils von Rama sollen seine Sandalen als Zeichen der rechtmäßigen Herrschaft am Thron gestanden haben. Zur Rotfärbung nimmt man Kumkum, eine Zubereitung von Gelbwurz, oder Sindhoor , eine Quecksilberverbindung, die man auch für das Stirnzeichen (Tika oder Tilaka) verwendet.

Blumengeschmückte r Yoni-Lingam im Tempel, Chamba (Himachal Pradesh) 2012
Blumengeschmückte r Yoni-Lingam im Tempel, Chamba (Himachal Pradesh) 2012

Diesen mit Blumenketten geschmückten Yoni-Lingam sahen wir in einem Tempel in Chamba, ein Symbol von Shiva und seiner Gattin Parvati; er stellt die Polarität von männlicher Zeugungskraft und weiblicher Energie dar, ohne die kein Geschöpf und keine Schöpfung zustande kommt.
Auch die Fotografien verehrter Angehöriger, geachteter Persönlichkeiten, Geschäftsgründer oder Gurus werden zu Hause, in öffentlichen Gebäuden, Büros und Geschäften täglich mit Blumenketten geschmückt. Nicht nur den Gästen werden zur Begrüßung Blumenketten überreicht. Auch Preisträger und Politiker werden immer wieder mit Blumenketten so dicht behängt, dass man kaum noch ihre Kleidung sehen kann. Gandhi gab die Empfehlung, bei Hochzeiten den aufwendigen Goldschmuck der Bräute durch glückbringende Blumenketten zu ersetzen. Heute schmückt man auch das Fahrzeug, mit dem Braut und Bräutigam zur Hochzeitsfeier gefahren werden, über und über mit Blumenketten, manchmal so übertrieben, dass die Sicht aus dem Fahrzeug kaum noch möglich ist – Incredible India !

Geschmücktes Hochzeitsauto, Bikaner (Rajasthan) 2009
Geschmücktes Hochzeitsauto, Bikaner (Rajasthan) 2009

Gruß nach Hamburg,

Ludwig Habighorst

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