Bibliotheksgespräch: Live is Live – Aus den Tiefen der Bibliothek

Sind die anderen fleißiger, sehen sie, dass ich ständig bei Facebook bin und führen sie Strichlisten, wie oft ich auf die Toilette gegangen bin? Unzählige Augen und Ohren der Kontrolle.

Hallo, mein Name ist Fabian Hertel und als ehemaliger Mitarbeiter der Bibliothek des Museums für Völkerkunde war ich am 10. Oktober 2012 zu Gast beim Bibliotheksgespräch, der Vortragsreihe in Hamburgs schönstem Lesesaal.

Szenenwechsel in die Schweiz, nach Bern. Die dortige Universität hat in der ehemaligen Schokoladenfabrik seine Basisbibliothek untergebracht. Wo früher Arbeiter_innen Süßes herstellten, brüten heute die Köpfe hunderter Student_innen aus Bern eingebettet zwischen unzähligen Regalmetern an wissenschaftlicher Literatur. Die eingangs geschilderte Szene ist und wird sicherlich universell von Student_innen auf der ganzen Welt erlebt, an der „Unitobler“ lässt sie sich jedoch hervorragend dokumentieren, erforschen  und studieren. Dies liegt an der Architektur der ehemaligen Manufaktur. Die Unitobler ist ein einziger offener Raum; über mehrere Geschosse erstreckt sich ein mit Büchern gefüttertes Stahlskelett; über Wendeltreppen lassen sich alle vier Etagen erreichen und jeder Winkel ist immer von irgendwo einsehbar, jedes Geräusch wahrnehmbar. Umgeben ist diese Konstruktion von Aufenthalts- und Verwaltungsräumen sowie Büros der geisteswissenschaftlichen Fakultät. Die Angestellten, Hiwis, entspannenden Kommiliton_innen haben also auch freien Blick in die Unitobler rein, direkt auf die Student_innen.  Eigentlich eher ein Horrorszenario denn eine pädagogisch effektive Lernsituation. Oder? Oder ist diese Kontrolle durch  die Argusaugen der anderen durch die Nachwuchsakademiker_innen gewünscht?

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Gestellt hat sich diese Frage Gabriel Zimmerer. Die Ergebnisse seiner Feldforschung veranschaulichte er im Rahmen des Bibliotheksgesprächs des Museums für Völkerkunde. Zimmerer war zum damaligen Zeitpunkt Sozialanthropologiestudent an der Uni Bern. Seine These: Studierende begeben sich eben freiwillig in dieses Überwachungsszenario um sich zum effektiven Arbeiten zu zwingen. Er läutete seinen Vortrag mit einer Vorstellung der Unitobler und ihrer Geschichte ein. Seine rund 25 Zuhörer_innen im Raum (die Bibliothek des Museums für Völkerkunde kann übrigens keinen größeren Kontrast zu den Schilderungen über die Unitobler darstellen) ahnen schon: Standen früher die Frauen beim Schokolademachen unter Beobachtung, sind es heute die  Lehrnenden. Es ist also naheliegend, dass der Raum etwas mit den Menschen macht. Von dieser Annahme ausgehend untermauerte Zimmerer mit Bruno Latours Soziologie der Dinge und auch mit den Gefängnisstudien Foucaults  seine These vom freiwilligen Zwang, dem sich Student_innen in Bibliotheken aussetzen. Nicht durch Hierarchie wird in der Unitobler eine Disziplinsituation geschaffen sondern durch den Vergleich mit den anderen, vermeintlich fleißigeren, Akteuren um einen herum.

Unitobler

Die „Unitobler“ in Bern

Verifiziert hat Zimmerer seine These mit einer eigenen Forschung aber es leider versäumt mit involvierten Architekten, Pädagogen oder anderen Experten seine Thesen zu diskutieren, worin durchaus ein Mehrwert entstanden wäre. Aber das nur am Rande. Mit Wissen aber auch Witz und Charme bannte Zimmerer 45 Minuten lang sein Publikum und nahm auch jene mit, die weniger mit soziologischen Thesen vertraut sind sodass sich im Anschluss eine offene Diskussion unter den anwesenden Bibliothekarinnen und Student_innen entwickelte. Fragen wurden diskutiert, wie denn eine Lernbibliothek auszusehen hätte, am Beispiel der Bibliothek für Völkerkunde wurde durchgekaut, wie der Raum umgestaltet werden müsste. Die Gastgeberinnen Jantje Bruns und Elisabeth Quendstedt mussten das Publikum fast in die Nacht scheuchen, so enthusiastisch entwickelte sich das Gespräch.

Letzte Szene: Als dann draußen auf der Straße die letzte Rippe der servierten Schweizer Schokolade im Mund schmilzt, ist da so ein mulmiges Gefühl: Werden sie merken, dass ich morgen nicht da bin ….

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