Aus der Forschung: Rauferei mit Segen der UNESCO

Kürzlich sprach mich in der Eingangshalle des Museums eine Gruppe von Gästen an. Sie stellten sich als Teilnehmer eines internationalen Taekkyon-Seminars vor. Taekkyon ist eine koreanische Kampfkunst. Wundert Euch nicht, wenn ihr noch nicht davon gehört habt: Taekkyon wurde lange Zeit nur als Unterart des Koreanischen Ringkampfs (Ssireum) betrachtet. Die Taekkyon-Leute haben viel Öffentlichkeitsarbeit geleistet, um aus dem Schatten des Ssireum herauszutreten. Damit waren sie sehr erfolgreich: Im vergangenen November wurde Taekkyon von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt.

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Taekkyon-Kämpfer: Anfänger und Fortgeschrittene

Einer meiner Gäste stellte sich als Lee Yong Bok vor, Vorsitzender des World Taekkyon Headquartes, Träger des 9. Dan und Taekkyon-Großmeister. Er war eigens gekommen, um ein Gemälde unserer Sammlung zu sehen, das Taekkyon-Kämpfer zeigt. Er kannte es von einer etwas unscharfen Schwarz-Weiß-Reproduktion. Der Maler sei Kisan (Kim Chung´un), ein sehr produktiver Genremaler des späten 19. Jahrhunderts.

Nun gehören die Gemälde Kisans zu unseren beliebtesten Sammlungsstücken. Ich kenne sie recht gut. Aber ich konnte mich nicht erinnern, dass sie irgendetwas über Taekkyon zeigen. Großmeister Lee fragte, ob er einfach die Gemälde zum Thema Ringkampf sehen könne. Ich witterte die Chance, etwas Neues zu entdecken, und brachte ihm die zwei Gemälde, auf denen man Leute kämpfen sieht. Und tatsächlich, er beugte sich sofort über eines der beiden und begann, zu zeigen und zu erklären. Er hatte gefunden, was er suchte.

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Großmeister Lee beim Seminar in Hamburg und in unserer Bibliothek

Großmeister Lee erklärte, wie gut die beiden Kämpfer im Vordergrund eine Taekkyon-Technik zeigen: Die sich einander nähernden Gegner sehen sich fest in die Augen und nehmen mit den Händen eine Deckungsposition ein. Außerdem ist der Taekkyon-Grundschritt Pumbalgi angedeutet.  Ein Mann in langem Mantel und Zylinderhut (die normale Straßenkleidung zu jener Zeit) sieht zu, kommentiert oder feuert die Kämpfer an.

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Kisan (Werkstatt): Taekkyon-Kämpfer

Rechts von dem Mann im Zylinderhut sieht man ein Paar, das tatsächlich nach Ringkampf aussieht. Aber ein Ssirum-Ringer hätte einen „Satba“ genannten Gürtel um den Oberschenkel geschlungen, so wie man das auf einem anderen Gemälde von Kisan sehen kann.

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Kisan: Ssirum-Ringer

Dass diese Gürtel auf dem ersten Gemälde nicht zu sehen sind, zeigt noch einmal, dass es sich hier um Taekkyon handelt. Mit Spannung hörte ich, dass es nur zwei alte Gemälde gibt, die Taekkyon-Kämpfer zeigen: Unseres und eines in einer koreanischen Sammlung.

Lustigerweise erhält unser Taekkyon- Bild damit schon seine dritte Zuschreibung, denn es trägt bereits zwei verschiedene Titel. Der unbekannte erste Sammler schrieb vor 100 Jahren „Rauferei“ darauf. Offenbar hatte er den Koreanischen Titel nicht verstehen können, der in Rot auf dem Bild notiert ist und angibt, es handle sich um „Ssireum“.

Nur der Ordnung halber füge ich hier noch an, dass das Gemälde gar nicht von Kisan persönlich stammt… Einige koreanische Kunsthistoriker stellten letztes Jahr fest, dass ein ungenannter Maler aus Kisans großer Werkstatt dieses Bild gemalt hat.

P.S. Ich muss ja noch das Rätsel aus meinem letzten Blogbeitrag „Aus der Forschung“ auflösen, als ich nach dem länglichen Seladon-Gefäß fragte: Es ist der Nachttopf einer Palastdame aus dem 12. Jahrhundert.

 

English Version:

Research News: „Street Fight“ with UNESCO acclaim

The other day, a group of visitors approached me in the lobby. They introduced themselves as participants of an international seminar on Taekkyon, a Korean martial art. If you haven´t heard of Taekkyon yet, don´t worry. It has long been regarded as a mere subspecies of  Korean Wrestling (ssireum), but it isn´t. The Taekkyon people have recently done a lot of  PR- work to step out of the shade of Ssireum. Last November, their work was crowned with success: The UNESCO named Taekkyon a cultural world heritage.

 

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Taekkyon-Fighters: beginners and advanced.

One of my guests turned out to be Lee Yong Bok, Chairman of the World Taekkyon Headquarters, Holder of the 9th Dan and Grandmaster of Taekkyon. He had come to see a painting in our collection showing Taekkyon fighters. He had seen a rather hazy black- and white reproduction of it in Korea. The painter, he said, was Kisan (Kim Chun´gun), a prolific genre painter of the late 19th C.

Now our Kisan paintings are among the most sought-after parts of our Korean Collection. I believed to know it rather well. But I didn´ t seem to remember anything about Taekkyon in it. Great Master Lee requested if he could see Kisan´s paintings about Korean Wrestling. Seizing the chance that we might discover something new, I brought him two Kisan paintings  which show people fighting. And indeed, he immediately bent down over one of them, starting to point out and explain. He had found what he was looking for.

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Grandmaster Lee during the Hamburg seminar and in our library

Grandmaster Lee explained how very well the two fighters in the foreground show the Taekkyon technique of adversants looking into each others eyes, with their hands in a coverage position. There also is an inkling of the basic step “Pumbalbgi”. One man in the background, in a brimmed hat and long coat, is looking on, commenting and urging the fighters.

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Kisan (Workshop): Taekkyon-Fighters

On his right side, another couple of fighters is engaged with each other. They indeed look like they are wrestling. But a Korean Ssirum-wrestler would wear a belt, the so-called “satba”, around his thigh. You can see it in this other Kisan painting from our collection.

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Ki-San: Korean wrestling (ssireum)

You don´t see a belt in the first painting. So it is indeed Taekkyon, not Ssirum, which is shown.

I was thrilled to hear that there are only two paintings from this period showing Taekkyon fighters. One is ours, the other one is in a Korean collection.

Funnily, this is already the third identification our painting gets: It bears two captions already. The unknown first collector of 100 years ago noted “Rauferei” on it, which means as much as “street fight”. Obviously, he had not been able to translate the Korean caption, written onto the painting in red, which declares that the painting shows “ssireum”.

Just for the record, I have to add that a recent visit by an eminent Korean art historian brought to light that the Taekkyon painting was not done by Kisan himself. It was painted by an unnamed member of his huge painters´ workshop.

P.S. I still have to solve the riddle from my last blog, when I asked you about the oblong celadon bowl: It is a palace ladies chamber pot from the 12th century.

 

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