Schatzkammer: Die Crux der Kataloge

Ein Kunde. Ich bin prinzipiell immer FÜR Kunden, weil sie meinen Berufsstand ermöglichen.

Dieser spezielle Kunde sorgte allerdings dafür, dass ich am liebsten das komplette Museum geschlossen hätte. Ein Kunde ist ein Kunde ist ein Gast.  Kein König. Und Buchhändler, Kellner und Museumsmitarbeiter sind nicht dazu da, sich von Gästen beleidigen zu lassen.

„Ich war vor 40 Jahren zuletzt hier – haben Sie denn gar keinen Katalog?!“

„Doch, zu den jeweiligen Ausstellungen und zur Geschichte des Hauses.“

„Das interessiert mich nicht, ich will wissen, was hier gezeigt wird. Haben Sie Japaner?“

„Nein, heute haben wir keine Japaner. Welche Ausstellung interessiert Sie denn besonders?“

„Wieviele Galerien haben Sie denn hier?! Ich WILL einen Katalog dazu. Ich habe hier nur den Lageplan, der nützt mir ja nichts, wenn ich wissen will, was hier drin ist!“

…nun ja…in einem Lageplan stehen Dinge wie „Schätze der Anden“, „Alt-Ägypten“, „Herz der Maya“ oder „Indianer Nordamerikas“. Möglicherweise sind in diesen Wörtern Hinweise auf die Ausstellungen versteckt.

Ich starte die Flucht nach vorn. Kunde will Katalog?! Kunde kriegt Katalog (Achtung! In dem Wort „kriegt“ steckt KRIEG mit drin!).

„Hier haben wir zum Beispiel unseren Katalog zum „Herz der Maya“. Die Publikation zu einer unserer aktuellen Ausstellungen. Oder dieser hier, zu den Textilien der Mayas…..

Kunde unterbricht Buchhändlerin.

„Ich WILL was zur Geschichte! Haben Sie denn garnichts zur Geschichte?! Ich will Ihre dämlichen Ladenhüter nicht! Ich will nicht so teures Zeug!“

Ich weise den Herrn höflich, aber sehr bestimmt darauf hin, dass ich ihm noch keinen Preis genannt habe. Und der geschmähte meisterhafte Katalog tut mir sehr leid.

„Ach, ich kenne das doch! Teure Ladenhüter bietet man immer zuerst an!“

Sprach es und griff sich ein Buch über die Prophezeihungen der Mayas.

„Hier! Sowas will ich! Was ist das denn?!“

Hm. Soll ich darauf hinweisen, dass er bereits „Ich will das“ gesagt hat, bevor er gefragt hat, was es ist? Nein. Vielleicht kommt er aus einem Kulturkreis, wo man die Braut auch erst nach der Hochzeit kennenlernt.

„Das ist ein Buch über die Prophezeiungen der Mayas.“

„Was kostet das?“

„10 Euro.“

„So teuer?! Warum ist das so teuer?! Kann man das in Raten zahlen?“

„Nun, der Preis rechtfertigt sich allein dadurch, dass es von Mayas geschrieben, gedruckt und übersetzt wurde – viel authentischer geht es kaum.“

„Ach so. Ich nehme das. Steht das denn auch hier irgendwo drin, was Sie da sagen? Ich meine, Sie können einem ja viel erzählen!“

Ja, in der Tat, das kann ich. Deshalb habe ich den Herrn auch gebeten, sein Buch zu bezahlen, bevor er, wutschnaubend ob der grenzenlosen Enttäuschung eine „sich einnistende überflüssige Buchhandlung“ statt eines Museums besucht zu haben, das Haus verlässt.

„Sie dürfen das Buch noch bezahlen, bevor Sie es mitnehmen, bitte.“

„Ach, ich dachte, ich kann das Anschreiben lassen. In der Nachkriegszeit konnte man noch alles anschreiben lassen.“

Bei freundlichen Kunden hätte ich jetzt in Frage gestellt, dass die die Nachkriegszeit erlebt haben. Ich hätte so etwas gesagt wie: „Na, da waren Sie ja noch nicht geboren, woher wollen Sie das denn noch wissen?“. Hier mache ich das nicht. Und nein, man kann nicht anschreiben lassen.

One thought on “Schatzkammer: Die Crux der Kataloge

  1. Bin ich froh, dass es keine Schwierigkeiten mit dem Wechselgeld gab! Wahrscheinlich waren zuviele 10 cent Stücke (Ladenhüter!) dabeigewesen!

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